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Polavaram aktuell

Januar 2007 Recherche vor Ort / von Hermann Brünjes

Zusammen mit meinem Sohn Jürgen habe ich in 15 der von dem Staudamm betroffenen Dörfer Interviews mit Betroffenen gemacht und durch Anschauung einen noch besseren Eindruck von den Folgen des Polavaram-Projektes bekommen. Wir haben mit NROs (Nicht Regierungs-Organisationen) Kontakt aufgenommen und uns über deren Aktivitäten informiert. Und wir haben im Gespräch mit den kirchlichen Partnern über eine Strategie für die Zukunft nachgedacht. Hier einige der Ergebnisse (Fotos: H.Brünjes):

1. Befragungen und Recherchen vor Ort

Wir haben in insgesamt 15 (von mind. 276!) betroffenen Dörfern Interwiews gemacht. (Mandals: Burgampadu, Kukunuru, Yelerupadu, V.R.Puram, Chintoor, Kunavaram, Bhadrachalam) Dabei haben wir mit Farmern und kirchlichen Mitarbeitern gesprochen, mit Frauen und Männern, mit Jungen und Alten, mit Tribals und Nontribals, mit Ortsvorstehern und Jornalisten. Es ergibt sich ein durchaus sehr differenziertes Bild.

So haben in einigen, vor allem von Non-Tribals bewohnten Dörfern, bereits Verhandlungen mit der Regierung stattgefunden. In zwei Dörfern (Vinjaram und Rudramakota) wurden bereits Zahlungen akzeptiert. Dabei ging es den Bewohnern jedoch vor allem darum, die Chance aus dem Überschwemmungsgebiet umzusiedeln, zu nutzen. Sie hatten in den letzten Jahren mehrfach alles verloren. Dies ist auch Argument vieler anderer, die den Angeboten positiv gegenüber stehen. Vor allem Nontribals mit Land und im Besitz von Urkunden profitieren von den Zahlungen und erhalten mehr als den normalen Marktwert. Einige der Befragten waren also offen für die Angebote, haben jedoch meistens eingeschränkt, dass sie erst einmal das neue Land und die Häuser sehen wollen.

In den meisten der von uns befragten Dörfer, zumeist von Tribals bewohnt, waren die Leute strickt gegen das Projekt und die Vertreibung. Sie haben sich entweder politisch (Kommunisten oder Marxisten) organisiert oder arbeiten mit Nicht-Regierungsorganisationen zusammen in der AWS (Adivasi Rakshana Council). Diese Organisation wurde speziell für die Opposition gegen den Staudamm gegründet. In einigen der Dörfer wird Regierungsbeanten kein Zutritt gewährt. Schilder am Dorfeingang (hier: Arukuru) sagen z.B.: „Wir lehnen das Polavaramprojekt ab. Wenn Regierungsvertreter in unser Dorf kommen, werden wir sie bestrafen. Der Gemeinderat.“ Der Widerstand in den meisten Tribaldörfern ist enorm. Man will nicht gehen, nicht einmal verhandeln. Man glaubt der Regierung nicht und besteht darauf, das über Generationen besiedelte Land inclusive aller Rechte zu behalten.

Verunsichert sind die Leute vor allem in Dörfern, die von Tribals und Nontribals bewohnt sind. Zum Teil ist die Stimmung angeheizt, weil die Frage des Umgangs mit den Angeboten der Regierung verschieden beantwortet wird. In einigen Dörfern begegnet uns Resignation. "Man kann ja doch nichts machen!" und eine deprimierte Atmosphäre weil die Leute hilflos zusehen müssen, wie ihnen alles weggenommen wird. In anderen Dörfern dagegen herrscht großer Optimismus, dass der Kampf gegen das Projekt am Ende doch gewonnen wird, wenn man nur zusammen steht.

2. Was die Regierung von Andhra Pradesh tut

Inzwischen wissen die meisten Betroffenen ungefähr, was auf sie zukommt. Allerdings haben die Wenigsten dies von Regierungsvertretern erfahren -zumal die in viele Dörfer nicht hineingelassen werden bzw. garnicht zu Wort kommen, wenn sie informieren wollen. Eher werden Informationen durch Mund zu Mund Propaganda weitergereicht und kommen dadurch teilweise sehr verfälscht an. Die Regierung hat Land vermessen und dessen Qualität geprüft. Sie bietet (zumindest offiziell) folgende Entschädigungen an: Für Nontribals Geld für Land (115.000 - 145.000 Rs./ha) und Geld für Haus und Hof (40.000 - 60.000 Rs.) Für Tribals Land für Land (in gleicher Qualität) und Haus für Haus incl.Hofstelle. Außerdem sollen Tribals Umzugskosten erstattet bekommen. Landlose Tribals, also Kulis sollen Haus und Hof bekommen und den Arbeitslohn für 1 Jahr (je Tag 64 Rs.), damit sie sich erneut Arbeit suchen können.

Viele Betroffene wissen nicht genau, was ihnen zustehen würde. Die Geldangebote sind für sie astronomisch. Auch dies hat manche bewogen, zuzugreifen. Geschickt spielt die Regierung dabei die Leute gegeneinander aus und macht sich auch die Medien dafür nutzbar. Vor allem entlang des Flusses wurden bereits Farmer enteignet, die keine Besitzurkunden für ihr Land hatten. Anderes Land wurde den Leuten abgekauft - allerdings nicht, um sogleich den Stausee zu fluten, sondern um es für die Produktion von Eukalytusplantagen einzusetzen. Es soll ein Abkommen mit der Papierfabrik in Bhadrachalam geben, wonach dieses Land für mindestens 3 Ernten (also 12 Jahre!) zur Holzproduktion eingesetzt wird. Auf diese Weise profitiert die Regierung enorm und kann mit dem Land noch viele Jahre gutes Geld machen. Wuchsen auf dem hier recht fruchtbaren Land bisher Chilli, Tabak, Reis usw. so sehen wir jetzt unzählige neu angepflanzte Eukalyptus-Monokulturen.

Manchmal berichten die Leute von Druck und Drohungen durch Regierungsvertreter. So wird getan als komme das Wasser in Kürze und als gäbe es kein Geld mehr, wenn man noch warte. Auch die Angst vor Polizei und Gefängnis wird geschürt. Wenn z.B. eine Zeitungsmeldung berichtet, dass in Kukunuru 3 Naxaliten (Maoistische Terroristen) erschossen wurden, die gegen das Polavaram-Projekt gekämpft haben, dann werden jene im Widerstand gegen das Projekt und die örtlichen Terrorristengruppen in einen Topf geworfen. Das macht Angst.

Ansonsten macht die Regierung trotz Baustopp weiter. Die Kanäle im Osten werden weiter gebaut (siehe Luftaufnahme) und es wird begonnen, Land für die Umsiedlung freizumachen. Einige Musterhaussiedlungen sollen als Beispiel dienen und die Leute locken. Wegen des Baustopps wurden sie kurzerhand als Siedlungen zur Fluthilfe ausgegeben obwohl die Schilder eindeutig vom Polavaram-Projektdorf sprechen (siehe Foto).

3. Begegnung mit Nichtregierungsorganisationen und deren Einfluss

Wir haben mit Vertretern und Vertreterinnen verschiedener NGOs gesprochen und uns gegenseitig über deren Arbeit und die gegenwärtige Situation informiert (CWS, SNEHA, SAPID). Mit Hilfe der NGOs hat sich die AWS (Adivasi Rakshana Council) formiert. Sie hat in vielen der Dörfer ein Gremium gebildet, das sich für Informationen und Aktionen stark macht. Die AWS organisiert Aktionen und hat diverse Protestveranstaltungen durchgeführt, so z.B. Demos, eine Fahrradrallye, eine Wanderung entlang des betroffenen Flußabschnitts, Faltblätter usw. (Fotos: von SNEHA) Auch werden verschiedene Kurse angeboten, die den Betroffenen Perspektiven für die Zukunft vermitteln sollen. Hinzu kommt eine Rechtsberatung in Sachen Dokumente und Besitzurkunden für Landbesitzt. Gegen letzteres ist die Regierung allerdings nun vorgegangen und verhindet, dass nachträglich noch Besitzurkunden ausgestellt werden.

Die NGOs bemühen sich sehr und haben viele sehr gute Initiativen angestoßen. Allerdings nehmen sie m.E. vor allem wahr, was sie selbst mit initiiert haben und wie es in Dörfern aussieht, wo sie aktiv sind (nach eigenen Aussagen ca. 20). Sie sind davon überzeugt, dass alle Tribals gegen das Polavaram-Projekt stehen. Zumindest unsere Interviews unterstreichen das zwar in der Tendenz, nicht jedoch so absolut und ausschließlich wie es die NGOs gerne hätten. Auch haben viele der Befragten gesagt, dass in ihrem Dorf niemals eine NGO aufgetaucht ist. Die NGOs geben zu, dass noch sehr viel Informationsarbeit nötig ist. Dies gemeinsam mit anderen, z.B. der Kirche, zu leisten, ist Aufgabe der nächsten Jahre. Die NGOs haben m.E. eine sehr wichtige Funktion im Widerstand gegen das Projekt, vor allem, da sie nicht parteipolitisch motiviert sind und gleichzeitig eine gute Lobby in Politik und Gesellschaft besitzen.

4. Argumene, Entwicklungen, Beobachtungen

Etwas ungeordnet, deshalb jedoch nicht weniger wichtig schildere ich einige Beobachtungen und Einschätzungen, die ausführlich mit den NGOs diskutiert und geteilt wurden.

- Das gesamte Projekt dient vor allem den Interessen der Industrie in Vizag. Das Wasser soll die Region, aus der „zufällig“ auch der Chiefminister kommt, zugute kommen (Familienfilz in dermaßigem  Ausmaß?). Die Congresspartei will Wählerstimmen im Osten anwerben, jene, die sie im Westen verliert, fallen dabei zahlenmäßig nicht ins Gewicht.

- Es besteht völliger Baustopp wegen eines Gerichtsbeschlusses des  Supreme-Courts (Verfassungsgericht). Dennoch wird weitergebaut. Die Siedlungen (z.B. nahe Gullavai ) werden kurzerhand als Fluthilfeprojekte ausgegeben. Gleiches ist auch in Chintur geschehen, wo ein großes Waldstück gegen den Protest der Anwohner gerodet wurde.

- Die geografische Lage und die Infrastruktur schaffen bei Flutung des Stausees völlig neue Verhältnisse. Die Straße Chintur-Bhadrachalam wird überschwemmt, ebenso die Brücken über den Sabari (Chintur und Kunavaram). So wird es keine Verbindung mehr zwischen dem Ostufer und Bhadrachalam geben. Die Dörfer im Osten müssen sich nach Rajamundhri (150 km) oder Vizag (200 km) orientieren – beides also weit entfernt und nur über eine kurvenreiche Straße durch das Gebirge erreichbar. Jede bisherige Verbindung würde gekappt, alle gewachsenen Strukturen zerstört.

- Bootsverkehr und Tourismus sind auf dem Stausee wahrscheinlich nicht zugelassen. Er wird als Trinkwasserreservoir genutzt und überall in Indien ist deshalb Bootsverkehr, jedenfalls privater, nicht erlaubt. Auch eine Fährverbindung wird es dann nicht geben. (Dies ist eine Vermutung einer NGO-Mitarbeiterin, dem entgegen habe ich anderswo sehr wohl touristischen Bootsverkehr auf Stauseen gesehen)

- Der wunderschöne Fluss Sabari mit seiner hervorragenden Wasserqualität verschwindet ganz und gar.

- Alle bisherigen Projekte mit Umsiedlungen in Indien belegen, dass die Entschädigungen nicht erfolgt sind oder nur zu einem Bruchteil. Es gibt auch hier weder Land genug noch Infrastruktur. Die wenigen Siedlungen der Regierung sind ein Tropfen auf den heißen Stein und entsprechen nicht den Bedürfnissen der Tribals. Versprechen werden nicht eingehalten. Das Geld bleibt in dunklen Kanälen und landet bei Bauunternehmen und am Staudamm beteiligten Firmen, nicht jedoch bei den Tribals.

- Das Vorgehen der Regierung ist klug, jedoch durchschaubar – leider nicht für viele der einfachen und nicht gebildeten Betroffenen: Es werden Angebote gemacht. Jene Nontribals, denen Geld für Land angeboten wird, greifen gerne zu (z.B. Rudramakota, Vijaram). Sie bekommen nun statt maximal 50.000 Rs. vorher 115.000 Rs. So kommt es zu Pressemeldungen die sich die Regierung nutzbar macht: Umsiedlung beginnt, Geld für die Opfer! Andere werden gelockt. Mustersiedlungen werden ausgewiesen. Es werden Versprechen gemacht, sich selbst Land zu suchen. Wenn ein Dorf mitzieht, werden jene Farmer, die dort siedeln, vertrieben. Ohne Dokumente kein Land! Die Zwischenzeit wird genutzt um mit Eukalyptus richtig viel Geld zu verdienen.

- Die Papierfabrik hat mit der Regierung Abkommen geschlossen, das Holz der Eukalyptusplantagen abzunehmen. Alle 3 Jahre kann geerntet werden, mindestens 3 Perioden werden veranschlagt (also selbst die Regierung setzt auf eine Bauzeit von 10 Jahren).

- Eukalyptus zerstört den Boden. Der Stausee wird in den meisten Monaten des Jahres nur teilweise gefüllt sein. Das verbleibende Land könnte noch genutzt werden – allerdings nicht wenn dort vorher jahrelang Eukalyptus wuchs. Dann verödet der Boden, wird sandig wie das heutige Flussbett des Godavari.

- Längst nicht alle Tribals haben Dokumente für ihr Land. Viele bebauen z.B. 8 ha, haben jedoch nur für 2 ha Urkunden. Also werden sie auch nur dafür entschädigt. Deshalb ist völlig klar: Alle Tribals wehren sich. Sie bekämen fast immer weniger Land als jenes, was sie jetzt bewirtschaften.

- Auch würden bei der Umsiedlung alle in gewachsenen Strukturen etablierten Zusatzeinkünfte entfallen: Früchte, Honig, Heilpflanzen und Feuerholz aus dem Wald; Kuli-Jobs bei bekannten Farmern während der trockenen Zeiten; Weideland für Ziegen und Rinder usw. Erforderlich wäre ein umfassendes Programm für den Erwerb neuer Zusatzeinkommen. Nichts dergleichen wird angeboten und auch die Tribals selbst haben diese Spätfolgen nicht im Blick. Es müsste darüber detaillierte Untersuchungen geben, um dann mit  entsprechenden Maßnahmen der Verarmung entgegen zu wirken. Diese gibt es bisher jedoch nicht.

- Primäre Aufgabe aller ist die Informations- und Bildungsarbeit zu den Folgen des Projektes. Die Betroffenen müssen über das Projekt informiert werden, über die Angebote der Regierung, über die Umsiedlungen in der Realität anderer Beispiele, über die nicht propagierten Folgen, sowohl wirtschaftlich als auch psychologisch. Die Entscheidung, was die Dorfgemeinschaften dann machen, müssen in den Dörfern selbst gefällt werden. 

- Hier noch nicht benannt und dennoch für immer verloren, sollte das Projekt durchgezogen werden: Die wunderschöne Landschaft, große Flächen des ohnehin raren Waldes in Indien, viele Tier- und Pflanzenarten, Tempel und Kirchen.

- Ob das Projekt am Ende kommt? Auch die NGOs fürchten, ja. Dennoch sehen sie den Kampf dagegen nicht als aussichtslos an. Es gilt, für die Betroffenen einzutreten und sie zu motivieren, für ihre eigenen Rechte zu kämpfen. Allen ist klar, dass es noch viele Jahre dauern wird, bis das Wasser kommt. Jetzt jedoch werden die Weichen dafür gestellt, wie die Menschen damit umgehen werden.

5. Was die Partnerkirche betrifft

Alles. Das Polavaram-Projekt wird die gesamte Kirchenlandschaft nachhaltig verändern. Der Norden wird vom Süden abgeschnitten sein. 5 der sieben Kinderheime sind mindestens betroffen und müssen umsiedeln. 30, also die Hälfte der Gemeinden werden überschwemmt. In fast allen der 276 betroffenen Dörfer, leben auch christliche Familien der GSELC. Auch die Christen sind wie alle anderen von der Atmosphäre, den Kämpfen und Leiden wegen des Polavaram-Schocks betroffen. Die Kirche steht vor großen Herausforderungen.

Das Thema ist jedoch durch unseren Besuch inzwischen auch auf der Leitungsebene unserer Partner im Gespräch und erste Weisen des Umgangs wurden besprochen.

1. Die Bedrohung als wird auch als geistliches Problem begriffen und zum Gebetsanliegen gemacht.

2. Eine enge Zusammenarbeit mit NGOs in dieser Frage wird beschlossen.

3. Eine Klärung aller Besitzansprüche von Grundstücken (Patters) ist dringend nötig.

4. Es sollen in den nächsten Jahren nur Interimsbauten erfolgen, keine überaus teuren Investitionen

5. Es wird über Exodus-Pläne christlicher Gemeinschaften diskutiert. Die Zeit dafür ist jedoch noch nicht reif, sondern nun wird gemeinsam mit den Tribals gegen das Projekt gekämpft.

6. Wichtig ist die Solidarität aller Mitglieder und Gemeinden in der GSELC, ob betroffen oder nicht.

7. Hilfreich ist auch die Weiterarbeit auf internationaler Ebene in Koordination mit örtlicher Situation.

 

Soweit in Kürze die Zusammenfassung der Recherchen im Januar 2007. Sollten Sie einen detaillierteren Bericht (z.B. der Befragungen) benötigen, so melden Sie sich bitte per E-Mail bei Hermann Brünjes.

Informationen zum Polavaram-Projekt


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