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Indien

Reisebericht März/April 2006

Im März/April 2006 waren Pastor Eckard Krause und Hermann Brünjes wieder in Indien. Anlass war eine Schulung und Retrait mit 77 Pastoren, zu der die UELCI eingeladen hatte und diverse Gespräche über die Zukunft der GSELC. Hermann Brünjes hat vorher die Shalom-Foundation und anschließend die GSELC besucht.Einige, wenn auch wenige neue Infos zum Polavaram - Projekt (Staudamm) und ein aktueller Bericht von Eckard Krause zu der Pastorenrüstzeit in Bangalore finden Sie unter diesen Links (neue Entwicklungen Kirchenleitung)Doch nun lesen Sie etwas über den Verlauf der Reise von Hermann Brünjes. Eindrücke, Erlebnisse, Fotos ... ein farbige Erzählung, die Ihnen einen guten Eindruck von Ablauf und Bedeutung einer solchen Begegnung mit den Partnern in Indien vermittelt. Viel Spaß beim Lesen!

Ein Reisebericht von Hermann Brünjes

Zurück aus Indien möchte ich Ihnen heute Anteil an meinen Reiseerlebnissen geben. Da ich erstmals ein Notebook mitnehmen konnte, ist ein etwas ausführlicherer Bericht entstanden, eine Mischung aus Erzählung, Bericht und Protokoll. So können Sie Anteil an dem nehmen, was auf einer solchen Reise geschieht, was in unserer Partnerkirche vorgeht, was mich bewegt hat und wie ich die Dinge sehe. Manches werden Sie nicht gleich zuordnen können, da einige Informationen fehlen und Sie die Orte und Menschen nicht kennen. Bitte fragen Sie gerne nach und rufen mich an. Manches sehr Persöhnliche habe ich erwähnt und möchte Ihnen so zeigen, dass man solche Indienreisen nicht distanziert, sondern persönich sehr betroffen erlebt.

flame of the forestSchon vor der Reise beginnt sie – mit einer schaflosen Nacht. Wir bekommen eine Kopie einer Anzeige der Johnson-Gruppe gegen Eckard Krause, mich und Hans Mittmann. Eine einzige Unverschämtheit! Uns wird vorgeworfen: Einsatz von Bestechungsgeldern zur Konversion der Adivasis, Aufwiegeln der Hindu-Tribals  gegen die Christen-Tribals, Spionage in einem Atomkraftwerk, Kämpfen für einen eigenständigen Stammesstaat. Wir sind geschockt. Eine jahrelange Freundschaft ist nun offenbar endgültig zuende. Paul Raj, der dies initiert hat, wirft alle Hemmungen über Bord. Um jeden Preis will er verhindern, dass wir Kontakt mit den Pastoren und Gemeinden haben und der Kirche und ihren Menschen Hilfe leisten. Sollte es ihm gelingen, uns auf die schwarze Liste in Delhi zu setzen, werden wir kein Visum mehr bekommen. Dies dann zu ändern, würde extrem schwierig. Wir sind verunsichert. Angst kommt auf: dass man uns verhaftet, wie Kriminelle oder Spione behandelt etc. Dazwischen mischt sich Trauer: Was kann bloß aus einer Freundschaft werden? Und Wut kommt auf. Gerne würde ich um mein Recht kämpfen. Aber wo? Zum Glück habe ich letzte Woche mein Visum bekommen, sogar für ein Jahr! So bin ich flexibel und eigentlich müsste ich problemlos einreisen können. Dennoch, die Unruhe bleibt.Am Donnerstag, einem Tag vor der Abreise, erfahre ich, dass das Pastorentreffen in Bangalore sein soll. 

Freitag, 24.März 2006

Die Reise beginnt

Kleine Pannen machen die Sache spannend: In Hamburg verfahre ich mich auf dem Weg zu meiner Tochter, der ich das Auto dalasse, der Flug mit einem City-Hopper von Hamburg nach Amsterdam hat 30 Min. Verspätung wegen eines defekten Autopiloten und dann noch einmal 40 Min. wegen einer Tür, die nicht aufgeht. Eine Frau, verheiratet in Hamburg und nun auf dem Weg nach Manila in ihre Heimat, schafft ihren Anschlussflug nur knapp. Mein KLM-Flug nach Hyderabad geht pünktlich. Es spiel Harry Potter. Ich verfolge den Film nur teilweise. Statt viel zu schlafen arbeite ich etwas am PC. Es ist ganz schön, so ein Gerät mitzunehmen, ein größeres als mein kleines 12“1 Powerbock wäre im Flugzeug allerdings recht unpraktisch. Die Zeit geht recht schnell vorbei – doch 8,5 Stunden sind eben immer lang, zumal ich gespannt bin auf meine Ankunft in Hyderabad. Meine Angst habe ich nun verloren, dennoch ist eine gewisse Gespanntheit nicht zu verleugnen.  

Samstag, 25.März 2006

Ankunft in Hyderabad 

Der Flug landet pünktlich. Die Abfertigung jedoch dauert, zumal ich ziemlich zum Schluss aussteigen muss. Doch dann geht alles klar. Ohne Probleme passiere ich die Einreise. Draußen wartet Philip. Es ist 2.00 Uhr nachts als wir ins Hotel Ambassador fahren. Philip hat aus AshwaroPet einen Tata (Geländewagen) dabei, weil er noch Leute mit nach Hyderabad gebracht hat. Er erzählt, dass er über Kontakte zu einem Abgeordneten in Hyderabad, der wiederum Kontakte zum Minister hat, im Flughafen einen Beamten auf mich vorbereitet hatte. Im Fall  von Problemen hätte der wohl eingegriffen auch wenn ich ihn so nicht zu Gesicht bekommen habe. Das Hotel ist sehr schlicht und kostet um die 700 Rs. (Kurs 1€ = 52.4 Rupien). Die Klimaanlage funktioniert erst am nächsten Tag, als ich auschecke. Ich schlafe etwa vier Stunden. Philip und ich frühstücken eine köstliche Masala Dosa, tauschen Geld um, versuchen Flugtickets nach Madras zu bekommen (was mit Deccan Airlines erst für morgen früh gelingt und ca. 42 € kostet), ich telefoniere mit Jayapaul, wir trinken Kaffee in Celebrity und reden ausführlich. Dabei erzählt Philip von der Lage in der GSELC. 

Anzeigen, Gerichtsverfahren ... das ganze Übel

Seit November letzten Jahres gab es mehrere Anzeigen und Verleumdungen gegen diverse Kirchenmitglieder. Nicht nur uns deutschen Partnern, vor allem den Mitarbeitenden in der GSELC werden Schwierigkeiten gemacht. Paul Raj und seine Getreuen wollen offenbar mit aller Gewalt die Leitung, Besitz und Macht in der Kirche erlangen. So ist z.B. Amos wegen seines Passes in Schwierigkeiten geraten. Als er vor 13 Jahren !!! in Amsterdam war, nahm man ihm den Pass ab. Jetzt hat er einen neuen bekommen, jedoch auf seinen einheimischen Namen. Nun hat Paul ihn angezeigt, dass er zwei Pässe besitzt, die auf zwei verschiedene Namen laufen. Das ist kriminell – und Amos muss nun beweisen, dass man ihm den Pass in Amsterdam abgenommen hat. Es droht Gefängnis. Ich will versuchen, über europäische Stellen zu helfen. Leider hat man Amos die Kopie seines Passes, die ihm in Amsterdam gegeben wurde, auch nicht mehr, da sie ihm in Indien bei der Einreise abgenommen wurde. Laut Philip hat Paul Raj in Bhadrachalam allerdings keinen Rückhalt mehr. Auch Abrahams Position sei überaus geschwächt. Auch als Abgeordneter hat Paul nur eine sehr begrenzte Macht. Diese reicht nach Philip nicht bis Hyderabad. Nur durch Bestechung kann Paul etwas bewegen, nicht über Kontakte. Er hat lediglich in seinem Wahlkreis etwas Rückhalt. Welch ein trauriges Ende für einen geistlich dermaßen gesegneten Kirchengründer! Ich hätte ihm (bis heute!) wahrlich etwas Größeres gewünscht! Und ich bitte immer wieder alle, für Paul zu beten. Gott gibt niemanden auf!Was die Anzeige gegen uns angeht, kann Philip Entwarnung geben. Der zuständige Beamte hat recherchiert und einen für uns überaus positiven Bericht nach Dehli geschickt - jedenfalls so seine Auskunft gegenüber Philip, mit dem er gut bekannt ist.

Das geistliche Leben

Hier liegt nach der Erneuerung der letzten zwei Jahre gemäß Philip der Schwerpunkt und die Stärke der GSELC. Er berichtet von 6 neuen Missionsgemeinden, von steigenden Gottesdienstbesuchen, von großer Begeisterung u.a. Auch das Anliegen der zur Amosgruppe konvertierten Mitarbeiter (immerhin 20!) bestätigt die große Ausstrahlung der Gemeinden. Bemerkenswert ist, dass Philip das erneuerte geistliche Leben daran festmacht, dass nicht mehr geraucht und kein Alkohol getrunken wird – jedenfalls nicht öffentlich. 

Polavaram

Heute findet in Bhadrachalam und an anderen Orten eine Großdemo statt. Auch viele der Pastoren nehmen daran teil. Die Kirche hat auch etwas Geld beigesteuert, damit solche Aktionen laufen können, ist jedoch nicht als Organisation sondern mit Personen beteiligt. Angeblich nehmen die Proteste von Tag zu Tag zu. Philip erzählt, dass die Umsiedlung ortnah geschehen soll und man große Siedlungen plant. Das wird von allen abgelehnt. Auch den Versprechen der Regierung glaubt man immer weniger.Besuchen können wir den Ort des geplanten Dammes nicht, da das Gebiet für Besucher von außerhalb abgesperrt ist. Philip will herausfinden, woher Geld für das Projekt kommen soll. Er hat von der holländischen Regierung gehört, die ohnehin Wasserprojekte in der Gegen finanziert hat. Ausländische Firmen allerdings sollen nicht beteiligt sein, da Indien inzwischen alles selber machen kann und auch will. Vor allem der Premier Minister treibt das Projekt voran. Nach Philips Kenntnis ist Paul Raj nicht direkt beteiligt, sondern nur Abgeordnete aus der Region.Im ersten Gespräch mit Philip geht es noch um seine eigene Rolle, um Personen und Strukturen der GSELC. Dies hier detailliert zu beschreiben würden den Rahmen der Vertraulichkeit sprengen.Ich bin ins Celebrity Boutique Hotel umgezogen, da dort alles wesentlich entspannter zugeht und es näher am Airport liegt. Ich gehe etwas spazieren, vor allem in Nebenstraßen, die mir nicht nur gefallen, weil sie ruhiger sind, sondern auch weil dort ein kleiner Einblick ins häusliche Leben möglich wird. Das Überqueren der Hauptstraße wird erneut zum Abenteuer, das enormes Vertrauen in die defensive Fahrweise der im Feierabendverkehr unzähligen Fahrzeuge erfordert. Das Shopping im „Shoppers Stop“ spare ich mir für die Rückreise auf.Essen im Restaurant (fried chicken a la Celebrity – ganz gut!), dann lese ich meinen Krimi. Der Fernseher geht nicht, da das Kabel kaputt ist und der Boy offenbar nicht in der Lage ist, es auszutauschen. Und dann die Nacht ... Ich beschließe, nicht mehr in dieses Hotel zu gehen, da die Disco bis 12 Uhr extrem laut ist und dann komische Geräusche offenbar über Leitungen den Schlaf extrem stören. Ich habe Kopfschmerzen und schlafe ausgesprochen schlecht.

Sonntag, 26.März 2006

Shalom! Chennai und Vellore

Pünktlich um sechs stehe ich auf und verlasse kurz darauf das Hotel. Es ist kein Auto (Motorrikscha) da. Als ich zwei anhalte, weigern sie sich, zum Flughafen zu fahren, weil sie offenbar keine Erlaubnis dazu haben. Ich stelle mich schon auf einen ätzenden Fußweg ein – aber dann hält doch noch ein Auto, das mich zum Airport bringt. Es läuft alles reibungslos. Eine Propellermaschine der Air Deccan startet 7.30 Uhr und ist 1,5 Std. später am Ziel.

Chennai.

Jayapaul, Mathew und ein Fahrer holen mich mit dem Jeep der Shalom-Foundation ab. Sie sind gestern gekommen und haben schon eingekauft, ua. ein Schlagzeug, das hinten viel Platz einnimmt. Es ist schön, Jayapaul zu sehen und auch er freut mich. Die Girlande duftet nach Jasmin und erfüllt später meinen ganzen Raum mit ihrem Duft.Jayapaul erzählt vom Stand der Arbeit in der Shalom-Foundation, z.B. der Planung eines neuen Mehrzeckgebäudes in den Jelligiri-Bergen. Ich bespreche mit ihm Details für die Silvesterbegegnung in den Yelligiri-Hills. Es sollen von der GSELC 10 junge Leute mitkommen plus 10 von der Shalom und 10 von uns. Später erklärt sich auch die GSELC freudig einverstanden mit dieser Begegnung.

Vellore

Wir frühstücken unterwegs in einem Hotel. Gegen 13.00 Uhr kommen wir in Vellore an, wo die Shalom-Foundation ihr Büro und ein Kinderheim unterhält. Wir werden freundlich von zurzeit 17 anwesenden Kindern, Jaykumar und anderen Mitarbeitern begrüßt. Wieder gibt es köstliches Essen: Shalom-Chicken, Nudeln ect. und vor allem köstliche rote Bananen.Eine lange Pause gibt neue Kraft. Es ist Tags über 36 Grad heiß – und das Fahren im AC-Auto eine Wohltat. Das AC (Klimaanlage) in meinem Raum allerdings funktioniert nicht. Dafür habe ich meinen Fan! (Ventilator).Die Jungen im Kinderheim beginnen morgen ihre Examen und Klassenarbeiten. Sie alle werden es schaffen, glaubt man den optimistischen Minen der Jungens. Traditionell findet aus diesem Anlass eine Feier im Home statt, mit der sie wegen meines Besuches bis heute gewartet haben. Die Erfolge des Jahres werden gewürdigt: Im Tischtennis, Schach, Carom (indisches Brettspiel) ebenso wie beim Putzen und Leistungen in der Schule. Alle bekommen ein kleines Geschenk, das ich überreiche. Ebenso spendiere ich Eiskrem. Und natürlich gibt es Lieder und Tänze und Gebet, und kleine Reden... Ich werde als Teil der Shalom-Familie bezeichnet und das freut mich sehr, vergrößert sich doch dadurch meine Familie erheblich!Gegen 18.00 Uhr fahren wir den „kurzen“ Weg zurück um in einem der Dörfer ein Abendprogramm des Hausaufgaben-Projektes anzusehen. Da heute Sonntag ist, findet es normalerweise nicht statt. Trotzdem sind über 60 Kinder und viele Erwachsene da. Das Programm läuft hier in einer Halle, die die Shalom Foundation errichtet hat. In den anderen fünf Gemeinden findet es in den örtlichen Kirchen unter der Trägerschaft der Gemeinden statt, Hier wird es von Mathews Familie organisiert. Eine Lehrerin, ein Lehrer und ein Sozialarbeiter kümmern sich um die Kinder.Die Leute sind arme Dalits (Kastenlose). Sie arbeiten als Kulis auf den umliegenden Feldern der Landlords (Großgrundbesitzer). Sie wohnen in Hütten, ähnlich denen der Tribels (Stammesleute, Adivasis) doch länger und mit gemauerten Wänden. Ich bringe ihnen zwei Strophen des Halleluja bei und den Ruf Halleluja. Sie springen sofort darauf an und es kommt richtig Stimmung auf – erst dann erzählt mir Jayapaul, dass fast alle, bis auf die Lehrerin und Mathews Familie Hindu-Dalits sind. Schon wieder Mission ... es geht offenbar nicht ohne „kriminelle“ Aktivitäten.Die Kids bekommen Bonbons, auch sie singen und tanzen und dann wollen einige Autogramme von mir haben.Wir besuchen Mathews Familie. Er hat von den 4 Söhnen die beste Bildung erhalten, hat eine Hochschule besucht und ist nun kaufmännischer Mitarbeiter bei Shalom und führt das Büro. Sein ältester Bruder arbeitet als Kuli wie sein Vater, der nächste hat einen Job als Wächter und betreibt einen kleinen, von Shalom ermöglichten Laden. Der jüngere Bruder ist Polizist.Der Laden macht ca. 1.000 Rs. Umsatz am Tag und wirft bis 250 Rs. Ab, vor allem während der Zeiten irgendwelcher Feste. Ähnlich ist das Einkommen einer „Autobahnraststätte“, die wir auf der Rückfahrt besuchen. Dort sind es ca. 300 Rs., die übrig bleiben. Das reicht halbwegs für eine kleine Familie, ist allerdings mit sehr viel Arbeit verbunden, bis in die späte Nacht hinein. Letztere lastet vor allem auf einem Jungen, der tags zur Schule geht und nachts arbeitet. Deshalb muss er die 10.Klasse wiederholen.Mathew erzählt später, dass ein Polizist mit ca.7.000 Rs. ganz gut verdient. Dennoch sind die meisten Polizisten korrupt. Viele brauchen auch viel Geld, damit sie ihre Laster (Rauchen und Trinken) bezahlen können (wieder die christlichen Feindbilder!).Heute esse ich unglaublich gut und viel. Auch in Mathews Haus bekommen wir bestes Essen: Rind (Neu für mich: Die Hindu-Dalits essen durchaus Rind und halten sich selbst Rinder zur Fleischproduktion), köstlichen Fisch, Dosa usw. Normalerweise gibt es so etwas nur bei Festen. Das  normale Essen besteht aus Reis und einer Brühe mit Gemüsestücken (Samba).Zurück im Shalom-Home muss ich weiteres Essen verweigern.

Montag, 27.März 2006

Das Paradies hat einen Namen: Yelligiri

Den heutigen Teil des Berichtes schreibe ich im Paradies. Mein Blick geht über verschiedene Palmenarten, Goaäpfel, Silveroaks, Teakbäume, Bananenstauden, Zypressen und rosa, blau, gelb und rot blühenden Bäumen und Sträuchern hinüber zu einem Hügel. Die Trainees im Shalom Centre fegen den Boden und sammeln die Blätter in einer Decke. Einer von ihnen bringt den Gästen Tee. Hühner gackern im Hintergrund, manchmal recht aufgeregt. Eine Krähe krächzt, Singvögel zwitschern, Streifenhörnchen huschen an Stämmen und Ästen entlang. Der Gärtner zeigt mir stolz die Eichen, deren Saat ich im Oktober mitbrachte. Sie sind immerhin ca. 20 cm groß geworden. Nicht geklappt hat die Aufzucht der Kastanien, die Gladiolen  dagegen scheinen kurz vor der Blüte zu stehen. Dafür sind die von uns damals gepflanzten Bäume inzwischen schon etwa 1 m hoch gewachsen. Der Gärtner freut sich, als ich ihm dieses Mal Blumensamen überreiche. Vor meiner Terrasse erhebt sich geradezu majestätisch der über hundert Jahre alte, weit ausladende Mangobaum. Wie bei vielen Bäumen im Meditationseck ist auch sein Stamm mit drei Stufen Sitzfläche ummauert. Ein Schattenplatz, der vor allem jetzt, gegen Abend, zum sitzen und klönen einlädt. Wie allen europäischen Gästen geht es auch mir: Das Zentrum in den Yelligiri Bergen begeistert und beruhigt zugleich. War es unten im Tal um die 38 Grad warm, so ist es hier einige Grad kühler und es geht immer wieder eine kleine Brise.Nach einer Nacht, in der mir sehr warm wurde und ich deshalb auf den Fan nicht verzichten konnte (hoffentlich macht mich mein einziger Fan nicht krank!), frühstücken wir reichlich und fahren nach Abschied von den Kids gegen 10.00 Uhr los. Unterwegs auf etwa halber Strecke holen wir den Geschäftsführer von einer Schule ab. Sie wird als eine von drei Schulen von der Hebron Kirche geführt, einer Pfingstgemeinde, mit der Jayapaul verbunden ist. Auf der inzwischen bis auf zwei Brücken fertig gestellten Schnellstraße zwischen Chennai und Bangalore geht es flott voran Richtung Yellagiri. Sehr befremdend ist, dass viele der LKWs oder Busse mitten auf der Straße fahren, obwohl diese mehr als vierspurig in zwei Richtungen verläuft. Doch immer wieder ist sie durchbrochen und langsame Fuhrwerke kreuzen. Manche nutzen die Schnellstraße auch in der falschen Richtung, weil sie sonst weite Wege zur nächsten Wende auf die andere Spur in Kauf nehmen müssten.Wir halten an einer Kokosnuss-Plantage. Die Hebron Gemeinde hat hier 210 Palmen gepflanzt und einige Felder für Reis, Mais und Zuckerrohr angelegt. Vor zwei Jahren hatte der Besitzer die Plantage sehr günstig verkauft da es seit Jahren an Wasser mangelte. Der ha. hat hier, in dritter Reihe von der Straße liegend 1.500 Rs. gekostet, das Land dahinter 900 bzw. 300 Rs/ha. Nachdem es dann im letzten Jahr sehr viel Wasser gab, hat sich der Vorbesitzer geärgert und gesagt, dass diese Christen einen starken Gott haben müssen, wenn der ihnen das Land günstig besorgt und dann auch noch Wasser gibt. Drei Brunnen bewässern die Farm. Angestellt sind Leute aus der Umgebung. Die Frauen bekommen 50 Rs., die Männer 70 Rs. Für die Arbeit eines ganzen Tages. Das sind je 10 Rs. mehr als in den Yelligiri-Hills. Unser Begleiter erzählt, dass je ha beim Reis etwa 10.000 Rs. Gewinn bleiben, beim Zuckerrohr sogar 50.000 Rs. Um dieses Geld für die Schule betreiben zu können, haben sie das Farmprojekt begonnen. Wir probieren noch einen Becher Kokosnusssaft, dann fahren wir weiter.Gegen 13.00 Uhr erreichen wir das Zentrum und werden freundlich begrüßt. Charles und die Trainees (Hausgemeinde) sind da, ebenso die Köchin und der Gärtner – Gesichter, die ich inzwischen kenne. Als Gastgruppe sind Mitarbeiter aus der Hebronkirche bis morgen Nachmittag hier. Als wir kommen, beten und singen sie in der Kapelle.Vorne am Eingang wird ein Wartehäuschen gebaut. Die neue geräumige Küche ist bereits fertig. Ich  bekomme ein Zimmer im 1.Stock und nach einem kleineren Essen schlafe ich bis 15.30 Uhr. Auf gleicher Etage sind zwei Familien untergebracht. Die eine der Frauen, als ich signalisiere, dass ich mich auf die Terrasse setzen will, verlässt  diese umgehend und taucht auch nicht wieder auf.Nach mehreren Bechern des köstlichen Shalom-Tees (schwarzer Zitronentee) gehe ich mit Jayapaul und Simon spazieren. Langsam geht die Sonne unter. Es ist angenehm kühl geworden. Die Landschaft ist traumhaft schön. Felsen, Täler, viele blühende Bäume, Bananenstauden, idyllische, überaus saubere Tribalhöfe (Tribal=Stammesangehörige). Die Leute sind arm. Sofort sind sie mir irgendwie nahe. Ich begegne ihnen völlig ohne Misstrauen und auch sie machen einen offenen Eindruck, wenn auch zu Beginn etwas schüchtern. Ein Kind bekommt Angst als ich ihm nahe komme. Die Tribals hier sind schon in zweiter Generation Hindus und beten deren Gottheiten an. Shalom hilft seit Bestehen den Leuten. So ist Jayapaul sehr beliebt und überaus geachtet. Er strahlt eine liebevolle Nähe und Autorität aus.Einer der Höfe gehört einem alten, freundlichen Mann, der Rosen und andere Blumen züchtet. Sofort bringen die Leute uns Früchte, diesmal köstliche Jackfruit und Bananen. Letztere haben hier in den Bergen einen besonderen Geschmack, der allerdings zunächst von der überaus süßen und fruchtigen Jackfruit überdeckt wird. Der Mann zeigt uns seinen Rosengarten. Für 6-10 Rs. für 20 Rosen leistet der Mann harte Arbeit. Als ich ihm erzähle, dass in Deutschland eine Rose bis zu 2 € (über 100 Rs.) kostet, kann er es nicht glauben. Er bindet mir einen kleinen Strauß und schenkt ihn mir. Nachher sagt er noch, ich solle kommen, hier Land kaufen, ein Haus bauen und leben. In Germany wäre es doch viel zu kalt!Erst in völliger Dunkelheit kommen wir zurück. Fledermäuse gleiten lautlos über unsere Köpfe hinweg. Die Zeit der Dämmerung dauert bestenfalls 30 Min. Wir diskutieren unter dem großen Mangobaum über Politik, Kirche und die Mehrzweckhalle. Nach einem guten, diesmal zum Glück einfacheren Mahl sitze ich mit Jayapaul noch auf der Terasse und rede. Er selbst bringt die Sprache auf das Teachers for Tribals Programm der GSELC.Er würde die Wardens (Heimleiter, Betreuer) usw. gerne ausbilden und hierher holen. Ich schlage vor:1. Das Executive der GSELC lädt ihn und einen Telugusprechenden Kollegen ein.2. Die zwei besuchen die UELCI und machen sich über alles kundig und dann die GSELC und besuchen alle Hostels (Kinderheime) um sich ein Bild zu machen. Dies erscheint mir nötig, damit der Transfer wirklich gelingt. (Am Ende meines Besuches stelle ich einen telefonischen Kontakt zwischen Amos und Jayapaul her und telefoniere auch noch einmal mit Jayapaul. Er will um den 17.4 herum in die GSELC reisen, hat jedoch wegen der Sommercamps wenig Zeit. Doch so könnten die Wardens im Juni noch zur Schulung in die Yelligiris reisen.)3. Die Wardens und die verantwortlichen Pastoren kommen zur Schulung ins Yelligiri-Zentrum. Auf dem Weg dorthin lernen sie andere Hostels und deren Arbeitsweise kennen.In Bangalore wird dann beschlossen, dass dieser Plan zeitnah umgesetzt wird.Es ist halb zehn als ich kalt „dusche“ und mich an diese Zeilen setze. Ich schleppe einen kleinen Whisky mit mir herum, den ich jetzt öffne. Der Schluck tut gut – nur singt unten die Hebrongemeinde und natürlich weiß ich, dass ich mit meinem „Alkoholkonsum“ ganz schön quer liege!

Dienstag, 28.März 2006

Yelligiri - Berge

Wieder gelingt die Nacht nicht sonderlich. Gegen drei Uhr wache ich auf weil es mir zu warm ist. Ich mache den Fan an. Gegen 6.30 Uhr wache ich etwas verkatert auf. Mein Bauch juckt etwas. Ich entdecke einen Ausschlag – nicht schon wieder! Es kommt der Tee, diesmal köstlicher Masala-Tee. Von 7.30 bis 9.00 Uhr erlebe ich das Morgengebet der Hebron-Gruppe. Besonders das extrem lange Gebet am Ende, von Jayapaul gesprochen und von allen mit Amen, Halleluja, Stoterem (= Lobpreis) u.a. begleitet, natürlich mit erhobenen Händen! Meine Auslegung zu Lk.5,1-11 kommt gut an und selbst der Pastor entdeckt neue Akzente des Textes. Da ich mit der Fischergeschichte einsteige und es auf die missionarische Existenz beziehe, passt es gut in das Thema der Schulung hinein wo es um Church-Planting geht. Die Hebron-Gemeinde will 100 neue Gemeinden gründen (in welchem Zeitraum wurde mir nicht gesagt und ich habe vergessen zu fragen). Nach dem Gebet genießen wir Dosa, Masala, Omelette, Vada und dann Tee. Wir sehen uns die Pläne für das Multipurpose Gebäude an und dann den Standort.Wir machen eine Rundtour über die Hochebene. Hier leben etwa 70.000 Menschen in 14 Dörfern. Vielleicht 300 von ihnen sind Christen. Überall sehen wir tolle Häuser, zum Teil Villen. Ein Moslem hat eine Traumvilla gebaut, umgeben mit dicken Mauern und Stacheldraht. Wir kommen zur andren Seite. Dort hat eine Gruppe aus Chennai ein riesiges Gelände gekauft. Was dort entstehen soll, ist nicht bekannt. Das Gelände ist traumhaft wegen des Ausblicks ins Tal, seiner Abgeschiedenheit und alter Bäume und Felsen. Die Bäume sind nummeriert. Unterhalb des Geländes sind noch 10 Häuser, nur durch Trampelpfade erreichbar. 6 Kinder von dort gehen täglich in die 6 km entfernt liegende Schule – zu Fuß!Wir sehen, wie zwei Brunnen gegraben werden, wohl im Auftrag der neuen Eigner des o.g.Geländes. Wasser ist Leben – allerdings auch nach ca. 8-10 m ist noch kein Wasser zu sehen. Die Arbeiter rechnen mit ca. 15 Metern. Mittels großen Auslegern aus Holz und Ledereimern an Seilen wird die Erde herausgebracht und dann im Umfeld verteilt. Die Arbeiter schwitzen, Frauen ziehen gleich Zugtieren die Seile, an deren Ende die schweren Eimer nach oben schweben.In den Tälern liegen idyllische Höfe, alle sehr sauber. Wir besuchen einen Christen, den auch Jayapaul lange nicht gesehen hat. Der ist sehr arm, hat jedoch „by the grace of God“ Land und eine sehr kleine Hütte. Um dort hinein zu kommen, muss ich auf die Knie gehen. Drinnen in der Dämmerung verzehren wir einige Knabbersachen, die wir zum Teil selbst mitgebracht haben. Der Gastgeber ist beschämt. Gern hätte er uns versorgt, hätte er vorher von unserem Besuch gehört. Allerdings hätte er dann zuviel Geld investiert! Es wird eine anregende Begegnung, zumal seine Frau noch immer Hindu ist und nicht konvertieren will.Wir versuchen noch, den Steinbruch am Ende der Straße zu besuchen. Ziemlich wirsch werden wir abgewiesen. Wir sollen den Verwalter fragen. Ich werde angemacht, als ich fotografiere.Nachher heißt es, ab 1 Uhr ist Mittagspause und die Sprengungen hören auf.Eckard Krause ruft an, in Chennai angekommen. Er hat leider erst morgen ein Gespräch mit Chandren Paul Martin (UELCI) so dass er erst am Nachmittag fliegen kann. Er macht den guten Vorschlag, dass Jayapaul auch nach Bangalore kommt. Der sagt für den 31.3. zu, wurde dann jedoch krank und konnte so nicht kommen.Zurück im Campus muss ich noch eine knappe Stunde auf das Essen warten. Derweil „feiern“ die Hebrons weiter ihre Andacht. Offenbar ist die Schulung vorbei und nun gibt es freies Gebet. Jemand schließt die Tür der Kapelle. Ob sie selbst merken, dass das, was dort vorgeht etwas seltsam ist? Kreischen, Schreien, Wimmern, Bellen, Grunzen, nur einzelne verstehbare Worte, Lallen, Quietschen, leise werden mit flehentlichem Geschrei ... die Bewegungen kann ich nur erahnen. Ein bisschen hört es sich an wie eine Folterkammer mit integriertem Kindergarten mit Toberaum, Hühnerstall, Hundezwinger und jenem Orgasmusstöhnen einiger Sender nach 12.00 Uhr. Immerhin verstehe ich auch immer wieder „Halleluja“. Jedenfalls bin ich doch froh, dass unsere GSELC Geschwister diesen extremen Pfingstweg nicht gegangen sind.Wieder ist das Essen sehr köstlich: Reis und Nudeln, Karotten und Bohnen, Kartoffeln und Gemüsesouce und gegrilltes Geschnetzeltes vom Schwein. Dazu lecker Gewürztee.Die Mittagspause ist erholsam, da ich bis 15.30 Uhr schlafe. Danach Tee, dann ein wenig Arbeit am PC, danach gehe ich mit zweien aus der HG zum CVJM, deren Gästehaus gleich nebenan liegt. Vorher probiere ich mich im Federball.Das CVJM-Gästehaus hat etwa 150 Betten, notfalls werden gar 300 bis 500 Leute untergebracht. Im letztes Jahr eingeweihten Neubau tagt eine Gruppe. Die Küche ist besonders eindrucksvoll: Groß und geräumig, jedoch überaus indisch was Hygiene usw. angeht. Auf der Dachterrasse wird Kaffee getrocknet und Tamarinschoten gedroschen. Unten gibt es sogar einen Speisesaal mit Tischen und Stühlen. Wir begrüßen kurz den Sekretär in seinem Büro. Er ist seit 9 Jahren hier und hat mich schon gesehen.Wir gehen zur Felsenkapelle, einem Platz zwischen Felsen, der oft zum Gebet und für Andachten genutzt wird. Das Gelände ist sehr groß und erstreckt sich auch noch weit nach Osten so dass sogar Fußball gespielt werden kann. Oben bei der Kapelle steht ein altes Zelt, Anlass genug, von unseren Zelten und dem Pfingstcamp zu erzählen. Die beiden Trainees haben großes Interesse, von uns zu hören und so werde ich heute Abend eine kleine Diashow starten.Gegen 18.30 Uhr kommt Jayapaul wieder. Eckard ruft an, wir versuchen ein Hotel in Bangalore zu finden, was sich jedoch als recht schwierig erweist. Zusammen mit der Hausgemeinde feiern wir Andacht. Ich nehme zwei kleine Videos auf um sie unserer HG zu zeigen. Bei der Auslegung über das Kreuz verrenne ich mich zeitlich wieder – aber sie findet große Aufmerksamkeit.Nach dem Essen (Chapati, Linsen, Hühnerfleisch und Obstsalat) treffen wir uns und ich zeige Bilder von Shalom und aus Deutschland. Das interessiert die Brüder sehr und es klappt mit dem Notebook auch recht gut – nur dass ich einige Bilder nicht zeigen kann, da sie auf der externen Festplatte liegen.

Mittwoch, 29.März 2006

Bangalore, Anreise und Ankunft

Nach Morgengebet und Frühstück heißt es Abschied nehmen von den Jelligiri-Hills und ihren Bewohnern. Interessant, wie auch unsere Hausgemeinde lesen die Trainees sehr unterschiedlich reihum die fortlaufende Lesung vor. Am Freitag wird hier für uns in Hanstedt gebetet. Auch Beiträge kommen nur zögernd – eben wie bei uns.Der Abschied ist überaus herzlich. Anhand des Gästebuches habe ich festgestellt, dass ich schon das siebte mal hier war. Für Ausländer ist das wohl fast ein Rekord.Als wir den Berg hinunter fahren, begegnen wir wieder vielen Affen, offenbar jeden Alters. Sie sind überhaupt nicht scheu sondern eher neugierig und gefräßig.In Jorlapeta müssen wir eine kurze Zeit warten. Der Zug kommt mit 30 Min. Verspätung. Für 245 Rs. im AC kann ich 2,5 Stunden Zugfahren. Der Zug fährt wegen einer teilweise fertigen, teilweise in Bau befindlichen neuen Strecke, unterschiedlich schnell. Es geht vorbei an vielen Feldern. Außer den üblichen abgeernteten Stücken sehe ich Reis, Zuckerrohr, Erdnüsse, Kohl und Cashewnüsse. Es geht vorbei an Hühnerfarmen mit lang gestreckten Ställen und damit leicht zu verwechselnden Ziegelbrennereien. Auf halber Strecke etwa erheben sich plötzlich riesige Geröllhalten – oder sind es Berge? Die Steine liegen wirr durcheinander und es sieht aus, als würde alles gleich in sich zusammenfallen. Dann wieder gibt es kleine und große Wasserflächen. Offenbar hat die letzte Regenzeit, die ich im letzten Oktober ja teilweise miterlebt habe, einiges gebracht.

Bangalore

Gegen 14.00 Uhr komme ich in Bangalore an. Ich steige schon eine Station vor dem Hauptbahnhof in Bangalore Canonment aus, da der Weg zum Hotel von dort aus laut Jayapaul kürzer ist. Das Hotel The Monarch liegt in der als Einbahnstraße geführten Brigade Road am unteren Ende. Die Autos dürfen die Straße nicht passieren. Ich habe eines mit „Prepaid“ gemietet, was ganz schön anstrengend war, da es eine ziemlich unfreundliche Drängelei gab.Das Hotel ist ganz okay. Das Zimmer ist leise und gut ausgestattet.Nach einer kurzen Pause gehe ich shoppen. Mein Hauptanliegen gilt einem Koffer, da meiner nicht mehr abschließbar und ziemlich verschlissen ist. Bei Samsonite werde ich fündig, bekomme den Koffer aber leider nicht in der Größe, wie ich es gerne möchte. Dies gelingt erst zwei Tage später.Nach einer Pause gegen 19.00 Uhr kommt Philip, dann auch bald Eckard. Philip kommt leider mit einer schlechten Nachricht für meine Reisepläne: Am 4.4. müssen die Pastoren zu einer Gerichtsverhandlung nach Khamman zu der auch Paul Raj eingeladen ist. Dann geht es um die Anerkennung der Kirche. Am 5./6.4. müssen Amos und Philip nach Hyderabad wegen des Passproblems. Was soll ich tun? Am Abend entscheide ich mich für den Flug am 1.4. zusammen mit Philip über Hyderabad nach Rajahmundry. Dann können wir am 2.4. in Rajahmundry sein, nachmittags in die GSELC fahren und dann mal weitersehen...Wir essen zu dritt halbe Hähnchen und tauschen uns aus. Es ist gut, dass auch Eckard vor dem Pastorentreffen mit Philip zusammenkommt. Bis 10.00 Uhr geht der Austausch in Eckards Zimmer weiter. Philip muss dann weg, da er später nicht mehr in sein Quartier kommt. Wir stellen eine Liste von Themen zusammen.

Donnerstag, 30.März 2006

Konferenzbeginn Bangalore

Die Nacht wird leider wieder unangenehm. Diesmal sind es die schlechten und vielen Gedanken, die mich nach dem Aufwachen gegen 2.00 Uhr wach halten. Auch ist die Klimaanlage laut und ohne wird es sehr warm. Die Gedanken beziehen sich auf die Begegnung mit der GSELC und dem Besuch der Dörfer. Ich fasse den Entschluss, dass ich mich nicht in einen nur kurzen Besuch füge und so dem von Paul Raj aufgebauten Druck nachgebe.Das Frühstück im Monarchen ist sehr angenehm und erlaubt eine große Auswahl. Auch Toast und Omelette sind zu haben. Eckard und ich gehen gegen 9.00 Uhr zum CSI-Womens Zentrum in der Infanterie Road, wo das Treffen stattfindet. Philip wartet dort schon auf die Gruppe, die sich bereits in der Stadt befindet. Auch Chandren Paul Martin kommt und wir können noch eine Weile miteinander reden. Dann kommen sein Nachfolger in der UELCI Augustin Jaykumar und Dr.Sunil Baba, der die Evaluation in der GSELC machen wird. Beide machen einen richtig guten Eindruck und scheinen das Vertrauen der GSELC-Mitarbeiter zu gewinnen.Als wir um 10.30 Uhr in den Versammlungssaal gehen, sitzen unsere Geschwister schon wartend dort. Mit „Halleluja!“ begrüße ich sie. Die Freude ist überaus groß und wir umarmen erst einmal alle. Besonders dass Poshn Rao und Pauleiah dort sind, freut uns – wenn ich mich auch bei Ersterem frage, was ihn wohl dazu bewogen hat.Das Meeting verläuft wie im Protokoll und im den Bericht von Eckard Krause berichtet. Es ist überaus wichtig, dass es auf Einladung der UELCI stattfindet und es vor allem um die geistliche Zurüstung der Mitarbeiter geht.In der Mittagspause fahren Eckard und ich ins Zentrum um Geld zu tauschen. Ich kaufe die Tickets für Philip und mich, was sich als nicht so einfach herausstellt. Kingfisher buchen wir über Internet. Es ist zwar fast 2.000 Rs teurer, dafür stimmt aber mit Sicherheit die Abflugzeit. Erstaunlich teuer ist der Air Deccan-Flug nach Rajahmundry für über 2.600 Rs. je Person. Nach hektischer Tasse Kaffee und Kuchen fahren wir zurück zum Meeting. Wir kommen etwas zu spät und die Geschwister haben bereits begonnen. Chandren Paul Martin führt die Sitzung sehr konsequent und zielgerichtet, was uns und auch Philip sehr gut gefällt. Das wird wirklich ein Verlust, wenn er zum lutherischen Weltbund nach Genf geht!Nach der Sitzung verabschieden wir uns herzlich. Ich sehe mir noch den Bus von innen an und finde ihn durchaus recht akzeptabel. Allerdings ist eine solche Reise, zumal nur 1 Busfahrer mitkommt, sehr gefährlich! Immerhin hat die Busreise für unsere Geschwister über 20 Stunden gedauert. Schön, dass die Brüder gleich richtig Stimmung machen und singen, als ich sie auf ihren Plätzen fotografiere.Am Ende des Treffens gibt es noch kurze Vereinbarungen mit den UELCI Leuten, uns und dem Leitungsteam der GSELC. Wir trinken Kaffee und Tee, Eckard zahlt den Geschwistern über den Kassenwart Pastor Mark ein kleines Taschengeld und dann verabschieden wir uns von Chandren Paul Martin. Eckard wird sich mit ihm noch einmal in Chennai treffen.Es ist recht warm, als wir zum Hotel zurückgehen. Nach einer Stunde Ruhepause besuchen wir ein großes Shoppingmall. Dort trifft sich das moderne Bangalore, vor allem viele junge, westlich orientierte Leute. Der Kontrast ist unglaublich groß zu dem, was ich sonst aus dem dörflichen Indien kenne.  Jeans, diverse Poloshirts, westliche Kleidung, Händchenhalten, Popcorn, Animationen, Cafes, Bistros, Pubs, Schnellimbisse ... es ist alles (fast) wie zuhause in einer modernen Großstadt.Abends gehen wir in eine Seitenstraße der Brigade-Road und essen in einem Dachrestaurant. Das Steak schmeckt hervorragend. Mein Tag endet schon gegen 9.30 Uhr mit dem Schreiben dieses Berichtes. Es ist heute wirklich gut gelaufen und wir können dankbar und froh sein! Ich hoffe nur, dass die Nacht ebenso gut verläuft. Etwas unangenehm ist nur der offenbar allergische Ausschlag, der am Bauchnabel begonnen hat und nun auch an den Fußgelenken stört. Zum Glück ist er nicht so schmerzhaft wie der Ausschlag in anderen Jahren und in den folgenden Tagen werde ich damit leben können.

Freitag, 31.März 2006

2. Konferenztag Bangalore

In dieser Nacht steht kein betrunkener Japaner vor meiner Tür, wie gestern Nacht. Der Tag weckt Hoffnungen, da nun der 2. Teil der Begegnung mit den Geschwistern vor uns liegt – und er erfüllt sie. Nach wiederum ausführlichem Frühstück fahren wir zum Tagungsort. Die gestern Abend überaus lebhafte Stadt, vor allem hier in der Brigade Road, schläft noch. Pünktlich beginnt das Meeting, das ich im Protokoll dokumentiere.In der Mittagspause fotografiere ich die erst kürzlich „übergelaufenen“ Geschwister. Es ist schön, sie bei uns zu haben, zumal ich viele von ihnen kennen, z.B.Poshn Rao, Pauleiah u.a.Das Essen ist gut, allerdings für die GSELC Pastoren nach Philips Auskunft zu knapp. Die essen viel und gern, vor allem Reis.Als wir das Meeting für alle gegen 14.30 Uhr schließen, wird der Abschied fröhlich, da alles so gut gelaufen ist und wir eine Perspektive haben – gleichzeitig sind wir traurig wegen der Trennung. Nur wenige Pastoren sind eingeweiht und wissen, dass ich noch in die GSELC komme.Das sich anschließende Executive-Meeting (Kirchenleitung) wird ebenfalls gut und alle wichtigen Fragen werden angesprochen. Die Geschwister sind durchaus sensibel dafür, dass sie nicht nur als Bittsteller auftreten sollten, können es jedoch nicht verhindern, ihre Anliegen vorzubringen und um Gehör zu ringen. Manchmal versuchen wir ihnen zu helfen, manchmal lehnen wir ab, vieles vertagen wir auf die Zeit nach der geplanten Synode im Januar 2007.Eckard und ich fahren gegen 16.30 Uhr ins Hotel. Vorher genehmigen wir uns einen Cappuchino und Kuchen. Beides ist zwar ziemlich teuer, schmeckt jedoch hervorragend. Nach sehr kurzer Pause im Hotel kommt Philip. Er bekommt meinen alten Koffer. Das Abendessen genießen wir in einem indischen Restaurant. Es gibt Gelegenheit, die beiden Tage noch einmal zu reflektieren und mit Philip zu sprechen. Da der Tag morgen früh beginnt, gehe ich rechtzeitig schlafen.

Samstag, 1.April 2006

Top-secret journey to Rajahmundry... "April, April!"

Ohne jeden Zweifel ist dies der bisher lustigste Tag der Reise geworden, eben ein richtiger 1.April! Doch der Reihe nach:In aller Frühe, 5.00 Uhr, soll es mit dem Taxi zum Flughafen gehen. Ich habe überaus schlecht geschlafen, nur etwa 2 Stunden im Stück. Das Taxi fährt etwas zu spät vor, allerdings ist das überhaupt kein Problem, denn als wir Philip abgeholt haben und dann beim Flughafen ankommen, müssen wir immer noch etwas warten. Wieder ist das Personal der Fluglinie  Kingfisher sehr freundlich und es geht alles überaus reibungslos. Auch der Flug im Airbus verläuft ohne jede Probleme. Nur, es sind unglaublich viele Mücken im Flugzeug. Während des Fluges selbst sind die dann allerdings verschwunden. Merkwürdig. Es wird ein Frühstück serviert, wir dösen etwas.Kurz vor Ankunft beginnen wir Scherze zu machen. Was, wenn Paul Raj uns im Flughafen mit einer Girlande begrüßt, oder mit einer Eskorte? Philip betont, dass die Reise absolut geheim ist. Nur Amos, Timothy und Daniel wissen davon. Und selbst die 77 Anwesenden in Bangalore würden nicht verraten, wo wir sind. Wir witzeln auch noch, als wir im Flughafen sind. Wir machen uns den Spaß, Amos anzurufen und ihm zu erzählen, dass Paul da war und Philip nun im Gefängnis ist. April, April! Amos kann es nicht fassen, lacht aber dann mit. Auch Eckard ist zunächst etwas irritiert nach meinem Aprilscherz. Der Scherz kommt allerdings erst noch, allerdings ganz anders als wir uns das gedacht hatten.Wir gehen zeitig wieder in den Flughafen und erfahren, dass Air Deccan nach Rajahmundry schon eine Stunde früher fliegt! Das ist der erste Knaller. Der zweite ist der Grund: Dieser Flug ist die erste Anbindung Rajahmundrys durch Air Deccan und der Chiefminister (Ministerpräsident) wird mit einer Delegation dabei sein. Wir werden in den Bus geleitet, der uns zur Maschine bringt. Beeilung ist angesagt. Die Gangway ist mit Blumen geschmückt. Viele Reporter filmen und fotografieren, Sicherheitspersonal usw. Soviel zum Thema „geheim“! Wir müssen wirklich lachen. Der Chief Minister Y.S.Rajasekar Reddi  sitzt mir gegenüber zwei Reihen hinter mir, die Minenministerin Sabita Indhra Reddi neben mir in der gegenüberliegenden Reihe. Dann sind noch dabei: G.C.Devakar Reddi (Minister für Entwicklung), Undavali Arnakumar (Rajamundri Parlament) und der Gründer und Chef der Fluglinie Deccan Airlines (Kapitän Gopinath). Alle sitzen sie bei uns hinten im Flugzeug, die Presse weiter vorne. Es wird gefilmt, interviewt und berichtet. Eine amerikanische Inderin diskutiert mit Kapitän Gopinath, dem Chef der Billig-Fluglinie über die Gewichtbegrenzung des Gepäcks. Ich beteilige mich etwas und komme so in Kontakt mit den um mich Herumsitzenden, z.B. mit dem Sicherheitsmann und dem Chefreporter. Philip schießt ein Foto mit mir und dem Deccanchef und ich fotografiere Philip mit der Ministerin für Minen. Ein Foto mit mir und dem Chief Minister gelingt leider nicht. Er schläft die meiste Zeit und gleich darauf wird er interviewt. Aber immerhin danke ich ihm mit Handschlag für die Fotos, die ich machen konnte. Was Paul wohl sagen würde... wir mit seinem Chef!Air Deccan verbindet inzwischen 70 Orte in Indien miteinander. Vor wenigen Jahren hat der Kapitän Gopinath, selbst Pilot, mit nur einer Maschine angefangen – jetzt ist daraus eine große Gesellschaft geworden, eine von mehreren Billigfluglinien in Indien. Ziel der Airline ist (außer Geld zu verdienen – das nennt aber Kapitän Gopinath nicht) die Verbindung auch mittelgroßer Städte mit den Großstädten, damit sich die Infrastruktur verbessert.Wir müssen ständig lachen. Was im Dunkel bleiben soll, kommt ans Licht, was geheim bleiben soll, wird öffentlich. Wenn wir nicht reden, beginnen die Steine zu sprechen. Mehrfach werden wir gefilmt. Nachher, in Rajahmundry angekommen, sogar noch von einem Telugu-Sender interviewt. Ich lasse mich mit dem Piloten des Fluges fotografieren. Er gibt zu, dass die Landung hätte besser sein können.Wir können den Flughafen zunächst nicht verlassen. Wegen der Absperrungen und einem hohen Sicherheitsaufwand kann unser Auto nicht vorfahren. Ich stoppe einen Jeep und der nimmt uns mit zur Straße. Der Fluggast, der darin sitzt, kommt gerade aus Deutschland ... welch Zufall! Er sagt, es habe geregnet, als er losfuhr.Mich bespritzt eine offenbar psychisch kranke Frau völlig überraschend mit Farbe. Eines meiner neuen Camel-Hemden ist so ramponiert, dass ich es wegwerfen kann. Wir rufen Eckard an. Der lacht mit und kann es auch kaum fassen. Womöglich sind wir heute Abend im Fernsehen... (was dann auf einen Telugu-Sender zutraf, auf den Government Kanal jedoch nicht.)Ein uralter und klappriger Ambassador (indische PKW-Produktion) bringt uns zu Philips Haus nach Kovvur. Wir fahren durch Rajahmundry und dann über die 3,5 km lange Godavaribrücke. Der Fluss wurde hier schon von den Engländern aufgestaut und bildet ein großes Rückhaltebecken. Die alte Brücke der Engländer ist stillgelegt. Eine neue Brücke für Autos und Züge verbindet West- und Eastgodavari und es gibt noch eine weitere Brücke für Züge.

Kovvur

Philip wohnt mit seiner Familie in einem tollen Haus. Am Stadtrand, in noch unerschlossenem Gebiet, hat der Bruder von Jothi, Philips Frau, ein Grundstück gekauft das Haus gebaut und es der Familie  überlassen. Philip und Jothi begreifen es als Gottesgeschenk und freuen sich sehr darüber. Und dazu haben sie allen Grund: Es ist überaus großzügig gebaut, hat zwei Stockwerke, eine Mauer herum, einen Hof mit allen Annehmlichkeiten. Unten ist ein großer zentraler Raum, Küche und Schlafräume, oben ein Versammlungsraum, wo sich Philips Gemeinde trifft. Stuck an den Decken, Warmwassertank, Fans ... alles ist da und das Haus ist so schön, dass ich gerne tauschen würde.Voller Freunde werde ich erwartet. Jothi und die Tochter Pradana (5) samt Söhnen Ezra Sastry (18) und Paul Rufus (16).  Es gibt ein gutes Mittagessen und dann eine Pause in der ich fast zwei Stunden schlafe. Das Klima schafft doch ganz schön!

Rajahmundry

Nach dem Tee fahre ich mit Philip auf seinem Motorrad nach Rajahmundry. Wir sehen uns das Dammprojekt der Engländer an und kreuzen nahe einem Gaskraftwerk den Fluss. Unterhalb des Dammes erstreckt sich eine weite Flusswüste, oberhalb ein riesiger See, unterbrochen durch einige zum Teil große Inseln. Die Landschaft ist schön. Bananenplantagen, Zuckerrohr, Kokosnüsse usw. Auf dem See Fischerboote.Die Einfallstraße zur Stadt ist interessant. Wir kommen an mehren überaus reichen lutherischen Kirchen (AELC) vorbei. Philip spricht von 10.000 Rs. Einnahmen je Monat in diesen Gemeinden. Die AELC (Andhra Evangelical Lutheran Church) hat viel Land, auch jetzt noch, nachdem vieles davon verkauft wurde.Eine lange Promenade mit Parkanlage zieht sich am Fluss entlang. Dahinter einige Tempel, von denen hier wirklich viele stehen. Rajamundri ist eine heilige Stadt, weil Lord Shiva hier gewesen ist. Nahe einem Monument von eines riesigen Shiva Lingam (Phallussymbol für Fruchtbarkeit) gibt es einen heiligen Waschplatz im Godavari für Pilger. Zu Festivalzeiten sind hier Tausende um sich im Fluss zu reinigen.Wir kommen dort vorbei, wo die Boote flussaufwärts abfahren. Die mir bekannte Lounch (Passagierboot), mit der ich schon nach Kunavaram fuhr, liegt auch dort. Sie fährt am Mittwoch von Kunavaram nach Rajahmundry und am Sonntag zurück.Letzte Aktion dieses Motorradausfluges: Shoppen. Für Jothi will ich einen Sari kaufen. Das gestaltet sich als schwierig, da die Auswahl überaus groß ist und auch Philip sich nicht recht entscheiden kann. Stück um Stück breitet der Verkäufer vor uns aus und trifft nur selten unseren Geschmack. Manchmal vergreift er sich auch in der Preisklasse. Man kann Saris für 70.000 Rs. bekommen, die vor allem bei Hochzeiten die Familiekasse belasten. Doch Philip will nicht, dass seine Frau mit einem teuren Vorzeigemodell herumläuft – und ich kann mir ein solches Geschenk ohnehin nicht leisten. Das Geschäft ist riesig. Überall Saris, Stoffe, Tücher – auf 2 Etagen mit riesiger Verkaufsfläche. Es scheinen mir hunderte Verkäufer zu sein ... und noch mehr Kunden und Kundinnen.In der Einkaufsstraße des Ortes wimmelt es nur so vor Kunden. Autos sind hier verboten, Motorräder kommen kaum durch. Ein Jugendlicher versucht mit mir zu reden. Er meint, englisch zu sprechen, kennt jedoch weder „soccer“ noch „football“ und kriegt auch sonst wenig von dem mit, was ich sage. Oder versteht er nur meinen Akzent nicht? Immerhin, Deutschland findet er gut. „Ihr habt gute Führer,“ sagt er, „Hitler und so...“. Ja, wir Deutschen sind auch in Indien bekannt. Von vielen hier wird Hitler sehr positiv gesehen, da er die Kräfte der Engländer im 2.Weltkrieg gebunden hatte und Indien sich so befreien konnte. Er wurde also von Indien als Verbündeter gesehen.Zurück in Kovvur sehen wir schnell die 19.00 Nachrichten. Es wird von der Air Deccan und dem Chief Minister berichtet, wir sind aber nicht im Bild. Dann besuchen wir Philips Bruder und seine Familie. Sie wohnen gleich neben der kleinen Kirche. Der Bruder hat das Vermächtnis seines Vaters übernommen, die Kirche samt Gemeinde. Die Gemeinde hat etwa 300 Mitglieder.Wir kommen an einer klassischen Vorstellung von reisenden Barden vorbei. So etwas hat auch Prabudas, einer der inzwischen verstorbenen Gründungspastoren der GSELC, beherrscht! Verkleidet, Geschminkt und mit großer Mimik singen und sprechen die Künstler alte Geschichten. Vor ihnen auf Decken und Stühlen sitzen viele Zuhörer, die fasziniert alles um sich herum vergessen.Wir kommen an jener Schule vorbei, die Philip vor Jahren besuchte, aber auch an dem College, wo Paul Raj zwei Jahre Sanskrit und Veden studierte. Philip erzählt, dass nur Brahmanen dort studieren können und Paul sich einen Platz erschlichen hatte. Er ist eigentlich gar kein Brahmane und musste gehen, als das heraus kam. Überprüfen kann ich diesen Verdacht nicht.Wir fahren noch an einer Freikirche vorbei, die außer dem Vater, Jesus und dem Heiligen Geist auch noch ihren Gründer (Eiagaru) anbetet. Na toll!Am Abend dinieren wir edel. Oben läuft eine Andacht, zu der Philip geht. Er hat hier in Kovvur eine kleine Gemeinde gegründet, die langsam wächst. Anschließend erneuern wir die Mitarbeiterliste am PC und gehen gegen 11.00 Uhr schlafen. Mir hat der älteste Sohn sein Zimmer überlassen. Die Regale hat er für mich mit Puppen dekoriert. Nett!

Sonntag, 2.April 2006

Kovvur und GSELC

Ich schlafe durchgehend über 6 Sunden und fühle mich endlich einmal erholt. Morgens sitze ich und schreibe über die letzten zwei Tage. Wenn derart viel geschieht, komme ich kaum hinterher und kann die Erlebnisse leider auch nicht so blumig schildern. Gleich wird es Frühstück geben.Da wir sehr früh aufgestanden sind, wird die Zeit bis zum Gottesdienst noch lang. Eine Stunde döse ich erneut. Zum Gottesdienst ziehe ich dann eines meiner neuen, leichten weißen Hemden an. Leider kleckere ich mir gleich eine süße und gelbe Papaya darauf.Der Gottesdienst wird eindrücklich. Über der geräumigen Wohnung hat Philip ein Teil des Daches überdacht und eine schöne Kapelle daraus gemacht. In der Mitte das Kreuz mit der Taube darüber, rechts und links die 10 Gebote. Zunächst sind vor allem Kinder da. Dann kommen insgesamt 24 Kinder, 20 Frauen und 8 Männer. Es ist eine stattliche und vor allem singfreudige Gemeinde, die hier entstanden ist.Philip hat seine eigene Gottesdienstordnung erstellt, zusammengesetzt aus mehreren Liturgien. Es wird viel gesungen. Einige Gemeindeglieder geben Zeugnis: Ein Mann dafür dass er zwar eine große Summe Geldes verloren hat, ihm dann aber sehr geholfen wurde; zwei Frauen für Heilung; ein Mädchen für Heilung von vielen Wunden am Körper. Besonders Letzteres beeindruckt mich. Dieses etwa 15 jährige Mädchen hat bald ihre ganze Familie zur Kirche gebracht. Vor allem Philips Frau Jothi hat viele dieser Hindus zur Kirche gebracht. Langsam werden es mehr. Nur Wenige sind bereits getauft. Einige bitten darum, dass die Geschwister für ihre Ehepartner oder Kinder beten.Ich predige über das Kreuz, Mk.14 und den zerrissenen Vorhang. (Dieser Predigt werden in den nächsten vier Tagen noch 18 weitere, zumeist zur Passion Jesu, folgen).Nach einem tollen Fisch-Essen, einem Mittagsschlaf, dem Kaffee und einer Diashow fahren wir los, nach Ashwaropeta, in den Süden des Gebietes unserer Partnerkirche der GSELC.

Kavadigundla

Ja, und jetzt sitze ich in Kavadigundla (Pastor K.Paula), mitten im „Busch“. Gerade bin ich dem Rauch ausgewichen, der unter einem großen Topf aufsteigt und mir in den Augen brennt. Mit meinem Computer sitze ich neben einem Bassenge mit Wasser, sowenig in diese Gegend passend wie der PC. Eine Frau füllt mit einem Krug das Wasser in einen großen Topf. Eines der Mädchen hilft ihr, diesen zur Feuerstelle zu tragen. Drei andere Mädchen kneten Teig und mahlen Hirse. Auf der Brüstung des Beckens stehen viele Becher aus Weißblech. Eben kamen zwei Männer und fragten, ob ich Palmsaft trinken möchte. „Kuncho“ sage ich, „ein wenig“ und gebrauche damit eines der kuncho Worte, die ich bisher aufgeschnappt habe. Langsam wird es dunkel. Eine angenehme Brise streift über die vom Tag verklebte Haut. Zwar habe ich heute schon zweimal geduscht, bin dennoch wieder völlig verschwitzt. Obwohl es heute zeitweise etwas bewölkt war und auch immer wieder ein Wind ging, ist es tags sehr heiß, so um die 35 Grad. Daniel und der Pastor sitzen mir gegenüber. Gerade hat die Frau des Pastoren uns Tee gebracht, mir wieder einmal den größten Becher.Gegenüber der Straße sitzen etwa 150 Kinder unter Palmen auf einem Schulhof. Sie tragen blaue Schuluniformen. Der Pastor sagt etwas von 300 Kindern – aber das erscheint mir zuviel. Näher erklären können wir uns nicht, denn niemand hier spricht englisch. So müssen ein paar Brocken reichen und vor allem Blicke, Gesten und Lächeln. Davon wird mir viel entgegengebracht!Die Kinder drüben klatschen Beifall, dann Geschrei, dann Stille – und jetzt scheint die Versammlung aufgelöst zu sein und die Stimmen verteilen sich. Ganz wie bei uns zuhause, etwa im Pfingstcamp. Überhaupt, hier ist alles anders und dennoch gleichen sich viele Situationen. Wie ein Rollenspiel mit Verkleidungen – wir Menschen scheinen uns überall auf der Welt zu gleichen.Jetzt ist es fast dunkel. Mein Bildschirm leuchtet. Die Brüder haben Wort gehalten. Sie haben mich trotz gewisser Risiken in die Gemeinden gebracht. Timothy, der dann allerdings wieder zurückgefahren ist und Daniel, der mich jetzt begleitet, haben mich in Ashwaropeta in Empfang genommen. Nach etwa 15 km im Ambassador erreichten wir dann dieses Dorf. Die ausgesteckten Wälder an der Straße sind braun. Auch die Felder sind abgeerntet, selbst der Tabak. Einige tiefe Bachtäler müssen wir durchqueren. Wegen des hohen Radstandes meistert der Ambassador das mit Bravour. Rinder, Ziegen, Ochsenkarren – die Straße ist nicht sonderlich belebt, aber immer wieder begegnen uns Leute, auch in einsamen Waldstücken. Da sind Radfahrer, die sich riesengroße Packen Feuerholz auf den Gepäckträger geschnürt haben; da sind Jungens, die mit einem Stock Räder vor sich hertreiben, ein offenbar beliebtes Spiel für Kinder; da sind Frauen, die Krüge ins Haus tragen und Jugendliche, die auf einem Feld Kricket spielen. Ich fühle mich wohl in dieser Landschaft und vor allem mit diesen so freundlichen Menschen. Etwas getrübt wird meine Stimmung nur jetzt, da es einigen missionseifrigen Geschwistern gelungen ist, einen Lautsprecher zu installieren. Es werden sozusagen die Glocken angeschmissen und christliche Musik zertrümmert die Stille.   Damit muss ich hier leider leben. Zum Glück gibt es mit dem Getöse nicht derart große Konkurrenz in den Dörfern – anders als z.B. in Rajamundri, wo ich heute Morgen den Eindruck hatte, die wollen sich alle gegenseitig übertrumpfen.Inzwischen ist es nach sieben. Die Frauen mühen sich ums Essen. Ich setze mich zu den Brüdern, die mir so nahe sind, auch wenn ich sie sprachlich nicht verstehe.Amos ist sehr beunruhigt wegen seiner Passprobleme. Offenbar durfte er seine Region nicht verlassen, jedenfalls wurde während seiner Abwesenheit nachgefragt, wo er sei. Gegen Schmiergeld von 5.000 Rs. hat der Beamte falsche Angaben gemacht. Derselbe Beamte hatte schon vorher 25.000 Rs. für den Report wegen des Passes bekommen. Amos weiß nicht, wie er aus der Falle mit dem Schmiergeld heraus kommen soll. Er meint, auch wegen unseres Falles wurde solches Geld bezahlt, Philipp bestreitet das später jedoch!Das Abendmeeting Kavadigundla wird von etwa 40 Leuten besucht. Für einen Ort, in dem etwa 50 Mitglieder zur Kirche gehören ganz gut, finde ich. Der Gesang ist nicht sehr kräftig, dennoch habe ich den Eindruck, alle sind sehr dabei. Ich predige über die Kreuzigung, den Gott, der ins Leiden und in den Tod hineingeht. Amos übersetzt. Er ist vom Inhalt der Predigt angetan. Diese Gemeinde besteht vor allem aus Hindus, sogar höherer Kasten. Abgesehen von einer sehr freundlichen, großen Frau mit Tochter, merke ich den Unterschied nicht. Die Leute sind freundlich, arm, hoch erfreut, mich zu begrüßen und fröhlich.Meine Gedanken sind allerdings wieder von den Gerichtsgeschichten gefangen und ich frage mich, ob es richtig war, nun in die GSELC zu gehen. Es könnte sein, dass Paul wiederum gegen mich vorgeht, wenn er es mitkriegt.Die Leute bleiben noch zum Abendessen, Reis und Gemüsesauce. Die Pastorenfamilie hat genug vorbereitet. Ich bekomme besseres Essen, Chicken. Abends zeige ich noch Bilder der vergangenen Tage, vor allem der Ministererlebnisse und auch Bilder aus dem verschneiten Deutschland. Schnee hat hier noch niemand gesehen. Dummerweise habe ich keine Familienbilder mitgenommen. Dabei besteht gerade daran bei allen großes Interesse.Ich schlafe draußen unter dem Vordach der Buschkirche. Allerdings bereue ich das beinahe, denn es weht ein kühler Wind und ich muss die bereitgelegte Decke benutzen. Dennoch, es wird eine gute Nacht, von 11.00 bis 5.00 Uhr.

Montag, 3.April 2006

Kavadigundla bis Narayanapuram

Diese Seite indischer Mentalität verstehe ich nicht. Kurz vor fünf plärrt der Lautsprecher los. Tempelmusik, unüberhörbar. Die Hindus blasen zum Angriff. Auch gestern war es übrigens der kleine Hindutempel, der zuerst Krach machte – und erst dann reagierten die Christen mit ähnlicher Lautstärke. Hier allerdings scheint das geregelt zu sein. Während des Abendgebetes schwiegen die Hindus. Dafür plärrte es am Morgen unerbittlich. Selbst die Hähne mit ihrem Frage- und Antwortspiel (Einer fragt den Nachbarhahn: “Wie spät ist es eigentlich?“) waren nur in den kurzen Pausen zwischen zwei Musikstücken zu hören. Zum Glück war der Spuk nach 15 Minuten vorbei. Der Morgen bricht an. Hähne kommunizieren, Krähen, Fegegeräusche, Klappern erster Küchenarbeit, Wasser wird in einen Eimer gefüllt. Die Konturen der Palmen und die der flachen Berge im Osten werden deutlicher. Gegen sieben wird es langsam wärmer, vorher habe ich zeitweise sogar leicht gefroren. Ich nehme ein „Bad“ in der Waschkabine, einem mit Bambuszäumen abgegrenzten Bereich. Die Steine, auf denen ich stehen muss, sind etwas klein. So wird das Waschen schwieriger und ich rutsche immer wieder auf schlammigen Boden.Die Pastoren gehen zur Toilette, d.h. sie verschwinden irgendwo in der Pampas hinter Büschen. Irgendwann werde ich ihnen folgen müssen und stelle mit Schrecken fest, dass ich gar kein Toilettenpapier mitgenommen habe. Da müssen es wohl Tempos tun! Jedenfalls werde ich es nicht auf indisch machen und einen Topf Wasser mitnehmen.Eines meiner gebrauchten Polohemden habe ich K.Paula geschenkt. Es steht ihm besser als mir und er freut sich. Inzwischen ist es 14.00 Uhr. Gerne hätte ich den Bericht weiter geschrieben, werde jedoch in kurzer Zeit unterbrochen, da es keinen Strom gibt. Tags wird der Strom abgeschaltet. Zum Frühstück sind wir in das Haus eines Kirchenmitgliedes eingeladen. Es ist jene Frau, die mir gestern aufgefallen ist. Sie backt Puri: Weizenmehl in Fett gebraten. Es bläht sich auf wie ein Ball und schmeckt prima. Dazu gibt es Kartoffelgemüse. Lecker! Wir beten.Ein krankes Mädchen wird mir vorgestellt. Sie wimmert, hat seit 16 Tagen hohes Fieber. Malaria Tropika kann es nicht sein – sie wäre schon gestorben, da die Behandlung innerhalb von vier Tagen nach Ausbruch begonnen werden muss. Ich gebe ihr über Amos etwas Geld damit sie zum Arzt fahren kann.Vor einem zweiten Hausbesuch, wo wieder ein fieberkrankes Mädchen um Gebet bittet, kommen wir an Tabackfarmen vorbei. In den großen Häusern sitzen unter Schattendächern Frauen und Mädchen und schlagen die Stängel des Tabaks in Streifen. Daraus werden billige Zigarren gemacht, während die eigentliche Ernte zu Zigaretten und edlen Zigarren verarbeitet wird. Die Frauen bekommen für den Tag 35 Rs. Lohn. Diese Kinder gehen nicht zur Schule. Der Farmer ist Christ, gehört zur GSELC. Ich mache Amos auf solchen Widerspruch aufmerksam. Er scheint das als ganz normal anzusehen, was hier läuft. Bei weiteren Besuchen werden wir gebeten, für die Baumwollernte zu beten. Wir danken. Von 170.000 Rs. Ertrag behält eine Familie 70.000 als Gewinn. Das reicht nicht für ein Jahr.

Lankalapalli.

Wir fahren etwa eine Stunde nach Lankalapalli. An der Kirche halten wir kurz an und grüßen die Leute, die dort warten. Es sind etwa 50 Gemeindeglieder. Ich halte eine kurze Ansprache über den guten Hirten und bete dann für eine Familie, die ihren Vater verloren hat. Johnson war einer der eifrigsten Christen im Ort. Er kleidete sich gerne in weiß und brachte das Evangelium zu vielen anderen. Als er vor neun Tagen an Herzanfall starb, hinterließ er 2 Frauen und vier Kinder. Dass ein Adivasi (indische Ureinwohner = Tribals) zwei Frauen hat, höre ich immer wieder. Wenn ein solcher dann Christ wird, kann das beibehalten werden, damit für die Frauen gesorgt wird. Der Pastor, noch gar nicht so alt, heißt Abraham. In seinem Haus machen wir nachher Station und ruhen uns gründlich aus. Das habe ich auch dringend nötig. Schon um fünf aufgestanden, wurde ich so um die Mittagszeit noch zur Trauerfeier für eben jenen Johnson herausgefordert:Sie beginnt im Haus des Toten. Einer, dann zwei offenbar psychisch kranke Männer stören mehrfach durch Rufe und heftige Gesten. Wie schon so oft bemerke ich, dass die Tribals damit offenbar ohne Probleme umgehen können. Der eine Mann ruft dauernd dazwischen. Das scheint hier nicht so zu stören wie etwa in Deutschland. Man hat Geduld mit solchen Leuten.Ich predige wieder, immerhin leben wir ja mitten in der Passionszeit, über Kreuz und Auferstehung, diesmal indem ich anhand des zerrissenen Vorhanges beides verbinde.Nach dem Beginn der Feier geht es in langem Marsch zum Grab. Wir können zum Glück mit dem klimatisierten Ambassador fahren und ersparen uns so immerhin 20 Minuten Hitze. Die aber holt mich dann schnell ein. War es heute Vormittag noch bewölkt und deshalb kühler, knallt die Sonne jetzt erbarmungslos vom Himmel. Während der Trauerfeier am Grab muss ich an die Seite gehen und unter einem Baum Schatten suchen. Doch auch dort ist es noch 38-40 Grad warm. Die Feier verläuft in einem Mix aus vielen Traditionen:Singen der christlichen, mit dem typischen rhythmischen Klatschen begleiteten Lieder; Gebet; eine sehr engagierte Predigt von Daniel, die offenbar sehr aufmerksames Gehör findet; Blumen werden auf Kreuz und Grab geworfen. Das Kreuz wird weiß angemalt wie das Grab (weiß ist bei den Koyas die Farbe des Todes). Die Frauen weinen am Grab, sie bringen Reis und Chicken und lassen diese Gaben am Grab liegen. Kerzen und Räucherstäbchen werden angebrannt, den Ehefrauen werden unter lautem Weinen die Armreifen und Ketten abgenommen und zerbrochen (als Zeichen, dass die Ehe jetzt beendet ist), die Ketten werden an einen Baum gehängt, am Ende wird ein Krug Wasser über das Grab gegossen und die Gäste bekommen eine Art Puffreis zu essen.Vieles mutet mir fremd an. Was bleibt ist jedoch der Geschmack des Todes, die Trauer, die Endlichkeit unserer Existenz. Dies ist die vierte Trauerfeier, die ich in der GSELC miterlebt habe. Die Elemente haben sich jedes Mal geähnelt.Wo das Grab liegt, finde ich zwei andere Gräber. Ihre Kreuze sind verschwunden, die weiße Farbe weitestgehend ausgewaschen und selbst die Erhebungen teils flach geworden. Auch der Tod scheint hier vergänglich. Das passt zu dem, wie die GSELC ihre Friedhöfe nennt: eastergarden (Ostergarten).Dennoch, bei dieser Feier spüre ich eine Distanz zu meinen Geschwistern. Anders als in „normalen“ Andachten lasse ich sie alles alleine machen. Die Toten begraben, das ist ihre Sache. Das rührt an tiefste Gefühle und Traditionen. Da zeigt sich deutlich, wie eigenständig die Kulturen sind. Auch wenn Trauer vergleichbar ist – wie wir damit umgehen ist verschieden.Die Pause wird lang und wegen der Hitze auch kaum abzukürzen. Zunächst schlafe ich ein, werde dann aber wegen des Essens geweckt. Reis, Gemüse, Lamm und Huhn – wieder ist es reichlich. Amos und seine Leute schlafen in der Kirche, ich bleibe beim Pastorenhaus. Leider ist kein Strom da und ich kann nicht schreiben. Indien schaltet für die Dörfer den Strom für höchstens 7 Stunden ein. Immerhin versuchen sie zu sparen.Was mich hier umgibt ist kaum zu vermitteln.Ein, wie man an den zerfetzten Federn sieht, ziemlich kampferprobter Hahn kräht lauthals; zwei hellbraune Hunde, oder besser Köter, suhlen sich im Staub; zwei Glucken schaben im Dreck, gefolgt von ihren piepsenden Küken; zwei Rinder wollen an die Tränke, nur eines schafft es und wird dann auch sofort vertrieben; Fliegen umschwirren mich und hören sich an wie Mücken; der Hund unter meiner Pritsche schnarcht; zwei junge Männer in blau karierten Hemden kommen Händchen haltend den Pfad entlang geschlendert; es ist brütend heiß, vielleicht gar 40 Grad und nur selten weht ein kühler Windhauch.Gegen 15.00 Uhr gebe ich die Pause auf und gehe hinüber zur Hüttenkirche. Dort liegen die Brüder schlafend am Boden. Um sie herum unzählige Miniameisen. Amos steht auf.Wir telefonieren wegen der Hostelarbeit mit Jayapaul. Er wird mit Amos wieder Kontakt aufnehmen. Ich will, dass er noch vor dem 23.4. kommt, da danach Ferien sind und das Training der Wardens immerhin laufen könnte. Jayapaul sagt, es wird schwer sein, einen Termin zu finden. Aber er will nach Alternativen suchen und sich wieder melden.Endlich, gegen 16.00 Uhr ist der Strom wieder da. Ich schreibe einige Zeilen, muss dann aber weiter. Pastor G.Daniel begleitet mich. Unterwegs erzählt er, wie er unter Paul Raj gelitten hat. Er wurde mehrfach von ihm geschlagen. Nach 2,5 Jahren musste er im ACTC das Studium abbrechen, weil Paul es so wollte. Zum Glück wird ihm die Studienzeit angerechnet, wenn er weitermacht. Auch Daniel bestätigt, dass Paul alle direkten Kontakte zu uns so oft es ging, verhindert hat und er sich riesig freut, dass diese jetzt möglich sind.Was das Polavaram-Projekt angeht, habe ich Zweifel, dass hier mit Nachdruck gekämpft wird. Die Angebote der Regierung scheinen irgendwie interessant zu sein. Sie baut für 25.000 Rs. Häuser und geben Land dazu. Die Christen spielen mit dem Gedanken, zusammen in  ein Dorf zu ziehen und eigene Kolonien zu gründen, was ich irgendwie zweifelhaft finde auch wenn es ganz dem Exodus-Gedanken entspricht, den Paul Imhof favorisierte, als ich mit ihm über die Vertreibung der Leute sprach. Die Gelände für die neuen Siedlungen sind bereits vorgesehen. Viele davon liegen in der Gegend von Vinayakapuram und Ashwaropeta. Angeblich soll der Staat eigenes Land dafür vorgesehen und auch schon viel Land gekauft haben. Für die Tribals wird dieses Land zu den bekannten Konditionen der geschützten Ländereien abgegeben – die anderen bekommen allerdings gar nichts.Überall in dieser Gegend sind neue Missionsgemeinden entstanden und offenbar versprechen sich viele aus der GSELC eine Ausdehnung der Kirche und dazu auch materielle Vorteile. Die Regierung leistet ganze Arbeit mit ihrer Propaganda...

Anantaram

Wir halten in Anantaram und besuchen wieder Leute. Allerdings gehe ich auf dem Weg zur Kirche zuerst in eine Tabakfarm, in der viele Kulis arbeiten. Die Blätter werden gebunden und zum Trocknen aufgehängt – eine Knochenarbeit, die geschickte Handgriffe erfordert. Dann werden die Stangen mit den tausenden Tabakblättern in Scheunen gehängt, die durch Holzöfen stark beheizt werden. So werden sie getrocknet bevor sie weiterverarbeitet werden. Als die Arbeiter und Arbeiterinnen sehen, dass ich sie fotografieren will, albern sie zunächst herum, arbeiten dann aber extra intensiv.Hier in Anantaram ist (der junge und kleine) Isaak Pastor. Die GSELC breitet sich aus. Überall sind kleine Missionsgemeinden entstanden. Hier sind von 300 Einwohnern, vor allem Koyatribels, 20 Christen geworden. Sie haben zusammengelegt und ein Stück Land gekauft. Dort wollen sie eine Kirchenhütte bauen. Es ist richtig spürbar, dass die GSELC „ihre“ Kirche ist. Wie überall beten wir für die anwesenden Gemeindeglieder, vor allem für kranke Menschen. Hier ist es ein etwa 12 Jähriger Junge, der von Geburt an behindert ist. Die Hände werden aufgelegt, ein Segen gesprochen, mit Kokosnussöl ein Kreuz auf die Stirn gemacht. Beim Weggehen kommt noch ein Mann, der scharfes Gebäck, eine Art Vada, für uns mitgebracht hat. Die Arbeiter an der Tabakfarm, die ich beim Ankommen fotografiert habe, lachen und winken als wir wieder an ihnen vorbeikommen.

Malayagudem

Pastor Hiob ist in diesem Dorf als Pastor tätig. Ich kenne ihn von früher aus Naryanapuram. Er war eine lange Zeit irgendwie abgetaucht – jetzt ist er wieder voll dabei. Von Daniel höre ich, dass wegen Paul Raj einige Pastoren die Kirche verlassen haben und jetzt wieder zurückkommen. Zu ihnen gehört auch der Schwager von K.Daniel, der jetzt eine Pfingstkirche leitet. Als wir ihn besuchen, erzählt uns Daniel, dass er zusammen mit ihm in 1981 von Uli Kruse getauft wurde und ich damals auch dabei war. Ich verspreche, anhand meiner Aufzeichnungen das genaue Taufdatum herauszubekommen.

Gandlagudem

Rosama ist die Bibelfrau dieses Dorfes. Sofort als wir ankommen ruft sie ihre Nachbarinnen und läuft herum, um Leute zu uns zum Gebet zu schicken. Immer wieder kommen neue Leute, vor allem Frauen mit Kindern. Die Leute hier sind Lambadis, gehören also einer Art Zigeunerstamm an. Rosama wohnt in einem gemieteten Haus Seite an Seite mit einer Hindufamilie. Über einer Tür prangt ein Jesusbild, über der anderen Ganesha, der starke und freundliche Elefantengott mit nur einem Zahn. Wir bekommen einen Cooldrink und Süßigkeiten. Überhaupt, immer, wenn wir in ein Haus gehen, wird sofort etwas besorgt: Tee (mehr trinkt ein Ostfrieslandbesucher auch nicht!), Pepsi, Kekse, Knabberkram, Vada, Palmsaft in Limcaflaschen ... die Leute sind unglaublich gastfreundlich.

Narayanapuram

In Narayanapuram werden wir über Nacht bleiben. Der Pastor hier heißt Jeevan Babu. Auch N.Daniel, mein Übersetzer, wohnt hier. Ich werde mir für die Predigt etwas Einfaches einfallen lassen müssen, da sein Englisch nicht besonders ist. Zunächst aber kann ich endlich meinen PC-Akku aufladen. Ich setze mich, umschwirrt und bestaunt von Kindern, auf die Veranda des Hauses. Jemand schmeißt hinter mir einen geräuschvollen Ventilator an. Einige der Brüder gehen schon mal „duschen“. Ich spare mir das für später auf auch wenn mir die Kleider am Leib kleben. Neben dem Haus liegt ein Berg Maiskolben, die Ernte von 3 ha Land. Sie ist viel zu knapp ausgefallen. Es wird dunkel. Bei einem der Kinder dudelt eine Spieluhr. Ich bin froh, dass ich meinen Reisebericht schreiben kann. Die wieder einmal unglaublich vielen Eindrücke vergesse ich zwar nicht, bekomme sie jedoch manchmal nicht ortsgebunden auf die Reihe. Die Hausfrau verteilt geröstete Maiskolben an die Kinder. Der Driver (Fahrer) hat sich gewaschen. Für 900 Rs. am Tag (plus Diesel), finde ich, machen die Driver einiges mit: Im Auto schlafen, Nachtfahrten, Holperstraßen, gefährlicher Verkehr, langes Warten ...  Irgendwer schmeißt ein Auto an (Motorrikscha). Es steht auf dem Hof und gehört offenbar zur Familie. Wer so etwas hat, kann ein gutes Einkommen verdienen.Das Meeting beginnt kurz nach 20.00 Uhr. Zu Fuß gehen wir zu einer kleinen gemauerten Kirche, ähnlich der von Prabudas in Gullavai. Und tatsächlich hat Pastor Hiob diese Kirche zur gleichen Zeit gebaut. Es kommen ungefähr 60 Leute, davon die meisten Frauen. Ich bin etwas müde und N.Daniel übersetzt mich. Beides trägt nicht gerade dazu bei, dass meine Predigt spritzig wirkt – vermute ich. Aber die Leute klatschen und freuen sich über meinen Besuch. Zwei Kinder schlafen und liegen auf dem Boden. Beim Beten heben viele die Hände. Vor allem die Frauen beten inbrünstig.Das Abendessen wird im Haus des Pastoren serviert: Reis und Country Chicken. Dies ist nun das klassische Essen auf dem Dorf, scharf mit viel Haut und reichlich. Wenn es nur dieses Essen gäbe, würden die fünf Tage in den Dörfern, nimmt man die Hitze noch dazu und das stramme Programm, wohl zur Tortour...Sehr angenehm wird das Bad am Abend bei N.Daniel im Haus. Zusammen mit ihm und Paula, der heute gleich im von mir geschenkten Hemd herumläuft, schlafe ich auf dem Hof.Über uns die Sterne, es ist ruhig und angenehm kühl aber nicht windig. Ich bin gespannt auf diese Nacht. Übrigens: Der große Wagen steht in Indien auf dem Kopf. Und der Halbmond steht nicht, sondern liegt!

Dienstag, 4.April 2006

... vier Orte und der Tag des Gerichtes

Irgendwie liegt mir dieser Platz nicht recht. Schon gestern Abend fühlte ich mich nicht sofort wohl. Während ich in den Tribal-Hütten sofort einen angenehmen Schlafplatz finde und mich heimisch fühle, kommt zwischen festen Gebäuden manchmal Beklemmung auf. Auch die Leute hier sind irgendwie zurückhaltender, ernster. Sie begegnen mir nicht so offen wir die Adivasis, lassen sich nicht so schnell vom Lächeln anstecken.Die Gemeinden im Süden des Gebietes sind anders als im Kernland am Fluss oder im Norden. Schon auf früheren Reisen habe ich das bemerkt und beschrieben. Viele Orte sind von Dalits (Kastenlose) bewohnt oder von Lambadis oder beidem. Es gibt auch Hindufamilien höherer Kasten, wenn diese auch zumeist nicht reicher sind als ihre Nachbarn. Man muss wissen, in welchem Dorf man gerade ist. Gestern habe ich mit „Zaimendene“ gegrüßt um mich den Leuten sprachlich zu nähern. Das Gegenteil war der Fall. Der Gruß ist Koyasprache – und die Leute verstanden ihn gar nicht. Erst als ich das übliche Wandanale anwandte, wurde der Gruß fröhlich erwidert.Paul Raj hat in seinen Aufbaujahren von Süden her dieses Gebiet bereist. Er hat die hier entstandenen Gemeinden bewusst nicht in die GSELC integriert, da er dies für zu spannungsgeladen ansah. So jedenfalls hat er es mir erklärt. Es sind hier kleine Freikirchen entstanden, die ein eigenständiges Leben führen, zum Teil aber auch einem freikirchlichen Verband angeschlossen sind. Nun scheint sich das Gebiet der GSELC wieder in diese Richtung zu entwickeln, zumal auch viele der Polavaram-Vertrieben sich hier ansiedeln sollen. Damit würde der Anteil der Tribals in der GSELC sich sehr verringern.Mein Schlaf ist zeitlich ausreichend, war jedoch irgendwie unruhig. Ich träumte von einem einheimischen Jugendlichen, der mich mit seinen großen dunklen Augen ständig herausfordernd ansah. Er hatte dünne aber sehr sehnige Arme und Beine, sah kräftig aus. Und das war er auch. Irgendwie begannen wir zu rangeln und er versuchte, mich zu Boden zu drücken. Ich aber, älter und stärker, bog ihn langsam nach hinten, sozusagen über mich hinaus – und fiel plötzlich am Kopfende kopfüber aus dem Bett. Ein merkwürdiger Traum.Etwas benommen erwache ich. Nun, im Licht des anbrechenden Tages, sehe ich auch meine Umgebung. Den eigentlich komfortablen Waschplatz mit dem Wasserbecken, wo ich mich gestern Nacht noch nackt abgeduscht hatte und oben an der Treppe des Nachbarhauses schemenhaft eine Gestalt wahrnahm, die mich beobachtete; die kleine runde Küchenhütte; die Felder gleich hinter dem Mix aus Häusern und Hütten; das Nachbarhaus dessen erstes Stockwerk wohl noch aufgestockt werden soll, wenn man die Pfeiler mit den Eisenstangen einbezieht ...Nach dem Zähneputzen mit Mineralwasser und einer dennoch erfrischenden Katzenwäsche gehe ich in die Büsche. Jetzt brennt das Essen zum dritten Mal. Es ist nicht immer leicht, den richtigen Toilettenbezirk zu finden. Meistens suchen sich Männer und Frauen in verschiedenen Richtungen ihr Plätzchen. Das wissen die Einheimischen, nicht aber wir Besucher – und da kann es schon geschehen, dass mir plötzlich, während ich irgendwo sitze, eine Frau oder gleich eine kleine Gruppe entgegenkommt. Die sehen dann aber brav zur Seite und machen, wenn möglich, einen Bogen um mich.

Aswapaka

Etwas zu früh beginnt unsere heutige Tour. Die erste Station ist Aswapaka. Es liegt an der Straße von Ashwaropeta nach Kukunuru. Hier bin ich sonst oft durchgefahren ohne jedoch zu halten. Jetzt gibt es dazu einen Grund: Gleich an der Kreuzung hat die kleine Gemeinde eine Hüttenkirche errichtet. Der Ort hat 3.500 Einwohner. 30 von ihnen sind Christen. Der Evangelist P.Daniel arbeitet hier (noch ein Daniel – jetzt muss ich nummerieren!). Er geht noch in zwei andere Dörfer, in denen jedoch nur 200-300 Menschen wohnen. Dort sind es Koyas, hier vor allem Hindus. Daniel sagt, dass es viel leichter ist, das Vertrauen der Tribals zu gewinnen. Nach 3-4 Besuchen von Familien lassen sie sich häufig schon zum Gebetstreffen einladen. Die Hindus zu gewinnen ist wesentlich schwieriger, da diese in ihre religiösen Traditionen viel fester eingebunden sind.Diese Gemeinde gibt es erst seit 3 Monaten. Die Lieder werden noch recht zaghaft gesungen. Eine Frau tobt geradezu in ihrer Ekstase und wir müssen das Gebet unterbrechen. Zuerst gehen die Leute ihr noch aus dem Weg. Aber vor allem bei den Liedern schüttelt sie sich selbst in exstatische Trance, schwenkt dabei hin und her, fällt manchmal um und schlägt sogar um sich. Die Gemeinde ist etwas ratlos, da die Frau zu jedem Gebetstreffen kommt und immer auf diese Weise stört. Wir beten für sie, doch das zeigt keine Wirkung. Auch ich bete noch einmal draußen vor der Kirche für sie, ohne Erfolg. Deshalb wird sie für die Zeit des Treffens hinausgeschickt. Ich predige über Mk.1,35-39: Gebet als Einatmen, Dienst als Ausatmen. So hat Jesus es zu Beginn seines Dienstes gemacht, so ist es für uns und vor allem für beginnende Gemeinden wichtig. Es ist toll zu erleben, wie hoch motiviert die Evangelisten sind.Daniel, der hier Dienst tut, ist seinerzeit aus Chattigarath gekommen und hat 1 Jahr Bibelschule Bhadrachalam gemacht. Immerhin berichtet er davon, dass der Unterricht für die damals 5 Studenten 3-5 mal die Woche lief – den Rest der Zeit haben sie andere Arbeit tun müssen. Damals, 2003, war K.Paul Raj für die Bibelschule zuständig. Auch mit Philip habe ich über die Bibelschule gesprochen. Er stimmt mir darin zu, dass eine Neuauflage bestenfalls ein Life-Training mit theologischem Basiskurs für Evangelisten sein kann. Daraus können dann die Kandidaten für das ACTC in Hyderabad oder für das theologische College Gurukul in Chennai hervorgehen.Das Frühstück, leckre Vada und Puri, nehmen wir bei einem Christen ein, der ein Hotel führt. Dieser Mann ist erst ganz kurz Christ. An seiner Wand hängt ein GSELC-Kalender 2006 (übrigends auch mit einem Foto des jungen E.Krause darauf) mit einem Jesusbild und gleich daneben Ganesha und Krishna. „Es sind ganz neue Gläubige!“ ist die entschuldigende Erklärung meiner Begleiter.

Tirummallakunta

Auch dieser Ort Richtung Sandrakunta ist recht groß, hat etwa 3.000 Einwohner. Seit 5 Jahren arbeitet der Evangelist Paulson hier und hat 15 Familien für Christus und die Kirche gewonnen.Die Gemeinde hat aus eigenen Mitteln eine Kirche gebaut. Dies scheint generell kein Problem zu sein, inklusive dem nötigen Landerwerb. Wieder spreche ich über das Kreuz Jesu als dem Garantiezeichen der Gegenwart Gottes auch im Leiden. Das Thema trifft offenbar, denn immer bekomme ich sehr positive Resonanz. So auch in der nächsten Gemeinde, wo ich vom Feuerwehrmann erzähle, der sein Leben einsetzt um Menschen zu retten und die Geschichte von den amerikanischen Sklaven wiederhole, die im Gekreuzigten den Gott entdecken, der an ihrer Seite ist.Interessant sind die Fragen, die nach dem Gebet gestellt werden. Wie wird bei Euch Weihnachten gefeiert? Wie Ostern? Gibt es auch Arme in Deutschland? Wie laufen Eure Gottesdienste ab? Es entsteht ein schöner Dialog. Anwesend im Meeting sind neben etwa 20 Frauen und 6 Männern auch etwa 16 Kinder, alle im gleichen Alter. Meine Frage, ob es hier ein Hostel gibt, wird verneint.Von der Weiterfahrt durch viel Wald und unbewohnte Gebiete auf der erst vor drei Jahren angelegten Straße von Ost nach West gibt es eine kleine, verblüffende und bezeichnende Begebenheit zu berichten. Die Straße ist durch einen nicht sehr dicken aber wirksamen Baumstamm versperrt. Es kommt ein junger Mann mit abgerissener Kleidung ans Fenster und zeigt ein Buch. Er will Geld haben. Wofür? Für einen Tempel, den das Dorf gebaut hat. Jeder, der vorbeikommt, muss bezahlen. Ich rege mich auf, der Fahrer zückt ohne Zögern sein Geld und gibt dem Wegelagerer 10 Rs. „So ist das hier!“ sagt mein Begleiter. „Diese Leute sind noch völlig unzivilisiert.“

Kothuro

Für 11.00 Uhr sind wir in Kothuro angemeldet. Diesen kleinen Ort an der Straße von Sandrakunta nach Ashwaropeta haben wir auch im Oktober mit der Gruppe kurz besucht. Der hier tätige Evangelist Philip hat vier Dörfer zu versorgen und wohnt in einem gemieteten Hausabschnitt. Die Gemeinde ist neu, etwa 30 Mitglieder gehören dazu. Wir kommen zu früh, denn die Frauen müssen Mittagessen machen, bevor sie zum Gebet kommen können. Als wir gegen zwölf beginnen, werden es etwa 5 Männer, 10 Frauen und einige Kinder – das bisher kleinste Meeting zu allerdings absolut ungeeigneter Zeit.Endlich Mittagspause. Im Pastorenhaus werden Reis und drei Gemüsesorten verspeist, dazu diese leckren übergroßen Chips. Dann begeben wir uns an den Ortsrand unter eine riesengroße Tamariske. Hier ist Schatten und es weht immer wieder eine kühle Brise. Ein kurzer Blick in die Runde:Dieser Teil des Ortes steht voller Govermenthäuser, von denen manche noch im Bau sind. Diese Häuser sind als Hilfsprogramm zur Förderung der Adivasis gedacht. Als rechteckige Kästen, völlig schmucklos und mit schlechter Luftzirkulation werden sie gemauert ohne sie je den Bedürfnissen und der Landschaft anzupassen. Die Tribals, hier leben nur Koyas, werden zwar von der Regierung gesponsert, diese fragt jedoch kaum nach den Anliegen der Stammesleute. So werden die Häuser oft abgelehnt. Immer aber wird eine Hütte daneben gebaut.Vor mir pickende Hühner, am Baum hängt ein sich paarendes Schmetterlingspärchen in prächtigen Farben, hinter mir ein steppengleicher Acker, trocken wie Mullsand, dahinter Cechewnüsse und viele Palmarybäume. Auf dem Acker ist Reisstroh aufgetürmt, von einem schlichten Zaun aus Stöcken geschützt. In Richtung Ort steht ein auf vier Pfeilern stehender runder Wasserturm, ein Projekt das vor Jahren mal von Holland unterstützt wurde. Gerade brummt ein riesiger Käfer über den gelben Beton des Pfostens. Unter dem Nachbarbaum steht unser Ambassador und im Schatten von Auto und Baum hocken einige Mädchen und Frauen, die sich angeregt unterhalten. Eine Frau sucht den Haarschopf eines Kindes nach Läusen ab, zweckmäßige Hygienemaßnahme und liebevolle Zuwendung zugleich. Ab und zu fährt eine tuckernde Motorrikscha auf der nahen Straße vorbei, einmal auch ein Trecker mit lauter Musik – ansonsten höre ich das Piepen der Kücken, in der Ferne Hähne, das Summen von Fliegen und ein leises Rauschen wenn eine Brise weht. „Mein“ Baum steht in einer Reihe mit anderen großen Riesen. Dazwischen sehe ich weiter hinten lange Säulenkakteen, die hier oft als Hecke verwandt werden.Mein  Schaf dauert nicht lange an. Über mir streiten sich Krähen mit furchtbarem Kreischen. Es ist halb drei. Erst jetzt bemerke ich einen der typischen hellbraunen Hunde unter meinem Nachbarbett. Daniel, der vorhin noch auf diesem Bett lag, ist verschwunden.Heute ist der Tag des Gerichtes. Heute Morgen schon gegen 6.00 Uhr kamen Timothy und seine Frau kurz bei uns vorbei. Sie waren auf dem Weg zum Treffpunkt in Ashwaropeta. Das gesamte Exekutive fährt nach Khammam und hat dort um 10.00 Uhr einen Gerichtstermin wegen der Leitungsfrage. Auch die Gruppe um Johnson wird kommen, ebenso ist Paul Raj vorgeladen. Unterwegs nach Kothuru fällt es mir wieder ein. Ich bitte den Fahrer zu halten und wir beten für die Verhandlung. Heute Abend werden wir erfahren, wie es ausgegangen ist. Ich hoffe doch sehr, dass unsere Gruppe die Leitung zugesprochen bekommt. Das würde bedeuten, sie könnte über Konten und Gebäude verfügen, auch in Bhadrachalam. Allerdings werden die anderen weitermachen, egal wie es ausgeht und auch die Amosgruppe wird nicht klein beigeben, wenn sie jetzt verlieren. Der Prozess ist vom obersten Gericht in New Dehli nach Khammam zurückverwiesen worden. Dort hatten unsere Leute schon einmal gesiegt – ob Paul jetzt noch etwas machen kann, weiß ich nicht. Doch an eben dieser Stelle werde ich die Infos aus Khammam von heute Abend einfügen... und die sind noch immer nicht definitiv. Philip berichtet, dass die Verhandlung auf den 6.4. verschoben ist, da Paul wieder einmal eine Ausrede hatte. Angeblich hat er keine Zeit zu kommen und hat das Gericht aufgefordert, eine Delegation nach Tenali zu schicken. Ganz schön frech! Jedenfalls hat der Richter übermorgen als letzte Möglichkeit eingeräumt. Kommt Paul Raj dann nicht, entscheidet er ohne ihn.Noch ein Tee, der total aufheizt, noch eine Wäsche mit kaltem Wasser – und wir verlassen unser Quartier, das wir für die Mittagspause bezogen hatten. Es ist wieder brütend heiß. Erst am Abend nach 17.00 Uhr wird es angenehmer, vor allem, wenn eine Brise weht.

Malkaram

Ein kurzer Stopp bringt uns nach Malkaram. Hier ist der kleine Isaak Evangelist. Eine kleine Gemeinde mit 20 Leuten entsteht langsam. Sonntags ist Gottesdienst, freitags Gebetstreffen. Das Dorf ist von Hindus bewohnt, die Mission ist nicht einfach. Auf dem Gelände am Dorfrand hat Isaak eine kleine Kapelle errichtet. Wieder können die Leute Fragen stellen. Diesmal werde ich auch nach dem Namen meiner Frau gefragt. Als ich sage, dass ich geschieden bin, übersetzt Daniel jedoch nur den Namen meiner ExFrau. Das Thema ist hier tabu und mein Beispiel wäre auf jeden Fall ein schlechtes. In einem Stammesdorf würde ich das anders einschätzen.

Rachuru-Palli

Zur Übernachtung sind wir in Rachuru-Palli. Es warten eine ganze Menge Kinder. Dies ist nun ein Stammesdorf. Nur Koyas wohnen hier und auf einem Rundgang durchs Dorf zusammen mit Isaak und seinem Bruder, der in einem Pfingstkirchenseminar Theologie studiert, sehen wir viele Häuser der Adivasihilfe. Auf Antrag bekommen Tribals diese und werden damit sozusagen „zivilisiert“. Die etwa 200 Familien in diesem Dorf haben zumeist eigenes Land und bauen Hirse, Reis, Mais und andere Früchte an. Und natürlich leben sie wie die Menschen im Bundesstaat Andhra Pradesh überall auch von der Viehzucht.Kinder spielen ein Geschicklichkeitsspiel mit fünf Steinen. Überaus geschickt werden die kleinen Steine hochgeworfen und aufgefangen. Wenn ein Fehler gemacht wird, kommt die oder der nächste dran. Dieser Ort ist der Heimatort vom keinen Isaak. Wir besuchen seine Frau und seine 85 Jahre alte Mutter. Zur Gemeinde gehören etwa 70 Leute, Pastor ist der etwas ältere Vijayarao. Als ich ihm mein zu enges Hemd schenke, freut er sich riesig. Inzwischen laufen einige meiner Kollegen hier mit meinen Sachen herum. Es lohnt sich, die gebrauchten Klamotten hier anzuziehen und sich hier dann günstig Neues zu kaufen. Die Leute sind überaus neugierig, vor allem die Kinder. Deshalb ziehe ich mich zum Schreiben in das Haus des Pastoren zurück. Auch hier hängt ein Kalender der GSELC für 2006. Offenbar hat man für jeden der 6 Distrikte einen eigenen Kalender gemacht, der die Kirchengebäude oder auch Mitarbeitende abbildet und unten auch das alte jugendliche Passfoto von Eckard Krause zeigt. Darüber muss ich mit dem Exekutive reden. Die Zeiten sind zu unsicher für Personenkult, allemal mit Europäern als „Zielperson“. Vor dem Abendgottesdienst nehme ich noch ein Bad. Wie es sich schickt ziehe ich meine Turnhose an und „dusche“ bekleidet. Es erfrischt ungemein. Auch während des Meetings hält die Frische an. Es sind etwa 60 Leute gekommen, 15 Männer, 25 Frauen und viele Kinder. Bemerkenswert ist wieder der Dialog, der während der Predigt von Einheimischen entsteht. Oft antwortet die Gemeinde mit Halleluja, Stoterem (Gelobt!) oder der Wiederholung einzelner Wörter und Satzteile. Meine Predigt dagegen gestaltet sich als schwierig wegen der Übersetzung. Ich predige über die Verhandlung gegen Jesus und wie wir alle schuldig werden, die Strafe jedoch auf ihm liegt. Das wird viel zu kompliziert – nicht nur wegen der Hörer, vor allem wegen David, der sich in den Gedankengang nicht hineinfindet.Dennoch bleiben die Leute freundlich und diszipliniert, sogar jene, die draußen vor der Kirchentür auf einer Matte sitzen.  Der Tag endet mit dem Abendessen und einigen Notizen. Dieses Mal bleibt es beim Reis mit Sambar, einer gemüsehaltigen Brühe durch die der Reis greifbar wird – was beim Essen mit den Händen wörtlich zu nehmen ist. Das mitgelieferte Lamm kann ich leider nicht zermalmen, da es offenbar vor allem aus Knorpel oder Haut besteht. Und den selbst gemachten Joghurt esse ich auch nicht, obwohl dies clever wäre, um das Brennen im Mund zu beenden.Daniel darauf, dass ich meine Arbeit am PC beende und ein Zeichen zur Nachtruhe setze. Vier der Pastoren und ich haben wegen der frischen Brise unsere Pritsche auf die Straße gestellt und schlafen hier. Der Blick geht zum Himmel, im Vordergrund Palmenzweige, oben der große Wagen. Hier steht er auf dem Kopf. Der Mond liegt gleich einer Sichel mit der Öffnung nach oben. Als ich den Pastoren erzähle, dass der Mond in Deutschland steht, wollen sie es zunächst nicht glauben.

Mittwoch, 5.April 2006

Von Racharu Palli nach Jeelugumilli

Morgenstimmung. Wie überall auf der Welt gehört der frühe Morgen wohl zu den eindrücklichsten Tageszeiten. Es ist kurz vor fünf und es dämmert. Die ersten Geräusche: Das Schreien der Hähne aus dem Nachbardorf. Einheimische antworten. Vögel zwitschern, Hühner gackern, allerdings noch etwas zögerlich wie als wären sie noch schläfrig. Das Fegen. Mit Besen von Binsen reinigen Frauen den Boden. Überall Fegegeräusche. Oft bin ich davon aufgewacht. Das Sauberhalten des Bodens erfordert viel Arbeit. Mehrfach am Tag wird der aus einem Gemisch aus Dung und Lehm aufgetragene Boden, der sich schnell abnutzt, gereinigt. Staub, Kot von Ziegen und Hühnern, weggeworfenes Papier – es gibt viel zu beseitigen. Es staubt. Ich muss meine Sachen in Sicherheit bringen, den Koffer verschließen.Die Luft ist klar und überaus angenehm. „Wie der erste Schöpfungsmorgen,“ denke ich. Männer und Frauen gehen mit dem Wassergefäß in die Büsche. Ihr Gang hat etwas Besonderes: Gelassenheit und Ruhe ausstrahlend, beinahe meditativ. Ein Mann schneidet Bananenblätter als Futter für seinen Wasserbüffel, eine Frau kippt den von gestern übrig gebliebenen Reis in eine Schale und gibt ihn den schwarzen Ziegen. Geschickt das Wasser verteilend wäscht sich ein junger Mann Gesicht, Arme und Füße. Am Bambuszaun hängen Zahnbürsten im Körbchen. Die meisten Leute nutzen jedoch die Zweige eines speziellen Baumes und kauen diese zur Zahnhygiene. Zahnärzte gibt es hier nicht und die lange sehr weiß strahlenden Zähne müssen gut gepflegt werden. Erste Klappergeräusche. Frauen bereiten das Frühstück vor. Kinder streifen durch das Dorf. Zwar fährt gegen sechs der Schulbus einer „St.Mary School“ vor, es steigt jedoch niemand ein. Felder, Palmen, Bambuszäune, Hütten, Höfe, Tiere und Menschen, alles bekommt durch den Morgen seine besondere Note und wird nie so erlebt wie zur frühen Stunde. Ob auch darin die Magie des Ostermorgens verborgen ist? Das Leben beginnt neu.Gegen sieben fährt der erste Trecker vorbei und bringt Arbeiter und Arbeiterinnen auf die Felder. Ein harter und schwerer Tag beginnt für sie. Obwohl die Sonne hinter aufsteigenden Wolken noch nicht zu sehen ist, wird es schnell warm. Der Morgen weicht dem Tag, der Neubeginn dem Alltag, dem mit „stillem Zauber“ begnadetem Anfang die Normalität.Speziell den Morgen zu beschreiben ist schwer. Man muss ihn erleben – und für mich sind die Stimmungen dieser frühen Tageszeit in Indien wie ein wiederkehrendes Dejavue: Selbst im winterlichen Deutschland kann es geschehen, dass ich die Gefühle eines Morgens im Stammesgebiet empfinde und Felder, Wälder und Stimmungen unserer Heidelandschaft sie auslösen.Ich bin froh, dass ich in diesem Dorf von der nervenden „Zivilisation“ Indiens verschont bleibe, dem Geplärre morgendlicher Musik und dem Dauergehupe. Hier hat sich offenbar die Lebensweise der Adivasis noch erhalten. Vielleicht kann dieses Dorf ja ein Bild für jene sein, die nach Durchsetzung des Polavaram-Projektes entstehen werden. Ich will noch eine Meditation zum Auferstehungsweg schreiben. Der Kontrast könnte größer nicht sein: Mein neuer Apple und jener alte Mann, auf einen Stock gestützt. Kurze, weiße Haare und Schnurrbart, barfuss, mit gelblichen, ehemals vielleicht weißen Lumpen bekleidet. Langsam, Schritt für Schritt geht er an mir vorbei und hockt sich nahe dem Brunnen auf den Boden neben einen anderen, nur wenig jüngeren Mann, der ein löchriges Unterhemd trägt. Beide haben ihr Dorf wahrscheinlich nie verlassen. Sie sind Analphabeten, haben in ihrer Jugend noch den Lendenschurz getragen und sich vom Wald ernährt. Und nun sitzt in ihrem Dorf ein Weißer mit einem Computer auf dem Schoß. Ich lebe wahrlich in einer anderen Welt. Aus dem Text für den Auferstehungsweg wird nichts. Es beginnt nun doch Musik zu düdeln, von einem Trecker. Der Strom ist wieder abgeschaltet, es gibt ihn nur von 16.00 bis 5.30 Uhr. Hinter mir sitzen die Pastoren und diskutieren. Neben mir schauen schüchtern ein paar Männer zu, die offenbar keine Arbeit bekommen haben. Eine Brise weht den Geruch bzw. Gestank von geräuchertem Fisch aus dem nahe gelegenen Laden herüber.  Die Sonne steigt über den Kokosnusspalmen auf.

Alligudem

Mittagspause, 14.30 Uhr. An einen erholsamen Schlaf in den Stunden größter Hitze ist diesmal kaum zu denken. Ein junger Mann entblättert nahe gelegene Palmary-Bäume. Die riesigen gefächerten Blätter fallen mit lautem Krachen zu Boden. Ich bin zwar in einem Tribaldorf doch nicht am Ende der Welt. Hier in Alligudem erscheint manches wir im Paradies: Der saftig grüne Jackfruchtbaum unter dem meine Pritsche steht. Er trägt wunderbare, dicke Früchte. Die Kokospalmen und Palmarys, die hübschen Hüttenhäuser, weiß getüncht mit gemauerten Wänden und Ziegel- oder Strohdach, Kakteenhecken, Tiere wie überall – aber eben auch Arbeit und Armut wie überall.Der Evangelist Prämkumar betreut die Missionsstation in diesem Koyadorf. Nur wenige der Dorfbewohner sind inzwischen Christen geworden. Das Meeting um die Mittagszeit wird nicht allzu lang. Ich predige über 1.Kor.12,12 und ermutige die jungen Christen zu gemeindlichem Leben. Ein Mädel ist hier, die mich aus Vinayakapuram vom letzten Besuch kennt. Sie hat gerade die Examen der 12.Klasse geschrieben und bittet zusammen mit drei Freundlinnen um Gebet für gute Ergebnisse. Einzeln kommen die Leute zum Gebet und ich lasse mir die Anliegen übersetzen. Meistens sind es Krankheiten. So auch in den Dörfern, die wir heute vorher besucht haben.Nach dem Waschen und den Notizen mache ich einen ausführlichen Klogang und spaziere über trockenen die Reisfelder. In mehreren Stufen fällt das Land in ein Tal ab. Jede davon wird durch einen Damm geprägt, mit dessen Hilfe man das Regenwasser auffängt. Jetzt gibt es, obwohl es im Oktober sehr viel Wasser gab, kaum noch Tümpel geschweige Stauseen. Unter einem Palmary steht ein Tongefäß. Oben in der Krone sind viele von ihnen angebunden um den Palmensaft aufzufangen. Der Blick geht weit über das Tal hinaus in eine gleich bleibende Landschaft, geprägt von Landwirtschaft und den unterschiedlichen Palmbäumen.Doch zurück zum Tagesbeginn: Da noch Zeit bis zum Frühstück bleibt, sprechen wir über Angelegenheiten der Kirche, soweit das sprachlich möglich ist. Pastor Paula wohnt in Kavadigundla direkt neben dem kleinen Hindutempel, von dem ich erzählt habe. Jeden Morgen und immer wieder zwischendurch wird dort laute Musik angemacht – nicht etwa durch einen Priester, sondern von einem durch die Hindufamilien im Ort bezahlten Arbeiter. Paulas Kirchenvorsteher wollen gerne dort, wo jetzt die Kirche ist, ein festes Kirchengebäude errichten. Paula hat aber schon jetzt Ärger mit den Hindus und fragt sich, was er machen soll. Ich rate ihm, dem Streit aus dem Wege zu gehen und lieber wo anders die Kirche zu bauen. Außerdem gibt es jenes Gesetz, das verbietet, religiöse Gebäude in unmittelbarer Nähe zu errichten.Thema ist dann die Mikrophonbeschallung überhaupt. Aufgrund der Erfahrung von Gestern sage ich dazu meine Meinung. Überraschender Weise stimmen mir Paula, Daniel und auch der ältere Ortpastor zu. Was wäre, wenn die GSELC Zeichen setzt durch Hausbesuche, Gebet, Diakonie... und nicht den Wettstreit der Techniktöne mitmacht?Jedenfalls spüre ich, wie hunderte Themen zu bearbeiten sind und diese zwar hoch motivierten aber zumeist wenig ausgebildeten Mitarbeiter damit oft überfordert sind. Mit Fehlentscheidungen wird auch in Zukunft zu rechnen sein – und Philip kann nicht alles abdecken.Kurz vor 10.00 Uhr, nach einem guten Dosa-Frühstück in Pastor Vijayaraos Haus fahren wir los, um Gemeinden zu besuchen. Sofort müssen wir die Klimaanlage aufdrehen, da es schon empfindlich warm ist. Mir scheint fast, es wird mit jedem Tag etwas wärmer, was durchaus möglich ist. In Ashwaropeta tanken wir. Ein Netz von gut ausgebauten Asphaltstraßen durchzielt inzwischen diese Gegend. Einige sind sehr neu und manche sind gerade im Bau oder Ausbau. So wird die Straße von Ashwaropeta nach Kukunuru gerade verbreitert.

Moddulagudem

Unser erstes Ziel ist Moddulagudem, ein Tribaldorf. Der schon etwas ältere Evangelist Baburao erwartet uns mit einigen Gemeindegliedern. Doch obwohl wir pünktlich kommen, fehlen noch viele der insgesamt 25 Mitglieder dieser Kongregation. Der Ort hat 400 Einwohner und liegt an einer ebenfalls gut ausgebauten aber kleineren Parallelstraße zur Schnellstraße von Ashwaropeta nach Khammam (die Distriktstadt). Vor einem Jahr hat Baburao seine Arbeit hier begonnen. 5 weitere Orte zählt er zu seinem Missionsfeld. Nach dem Meeting kommt ein 17-jähriges Mädchen zum Gebet. Die Wunde an ihrem Bein ist nicht richtig verheilt. Sie hat kein Geld für den Arztbesuch. Ich bitte den Pastoren, über Amos dafür zu sorgen, dass dieser möglich wird.Draußen versucht ein Betrunkener älterer Mann Aufmerksamkeit zu erregen. Er winkt mir dauernd zu und wechselt zwischendurch sogar sein Hemd. Nachher darf er mit aufs Gruppenfoto! Wieder kommt ein Dialog zustande. In der Predigt beziehe ich mich auf das Wachstum im Glauben und male vor Augen, was ein Kind zum Wachsen braucht – und wir zum Glauben. Nachher werde ich nach meinen Kindern gefragt. Inzwischen habe ich die Koya- und die Teluguworte für Tochter (mayard/ammai), Sohn (marrie/abbai), Vater (aiahl/tandri) und Mutter (jawa/talli) notiert. Es macht den Leuten ungemein Freude, wenn ich versuche, ihre Sprache zu reden. Zaimandine gehört auch dazu (Wie geht es Dir?), ebenso die Antwort Zaimandina (Mir geht es gut!). Mir scheint Koya wesentlich einfacher lernbar zu sein als Telugu.Die Leute fragen nach Deutschland und staunen über das, was ich beschreibe. Es ist schön, mit ihnen auf diese Weise Kontakt zu bekommen.Ein Junge ärgert sich extrem, weil er keine Banane abbekommt. Ich will ihm TickTacks geben, aber die will er auch nicht. Wer nicht will, der...Polavaram - UmsiedlungAnhand einer nur teilweise asphaltierten Querverbindung erreichen wir die Schnellstraße Ashwaropeta – Khammam (92 km). Wir fahren ein kleines Stück nach Westen und kommen an einen einzelnen Hügel. Entlang der Straße, etwa 3 km und beidseitig, sollen 9.000 Familien (ca.40.000 Personen) aus dem Yelerupadu-Mandal angesiedelt werden. Jede Familie soll ein Haus bekommen (im Wert von 25.000 Rs., also eines der schlichten Katastrophenkästen), und ein Grundstück von ca. 30x30m. Die Regierung hat, wie unser selbst davon betroffener Fahrer erzählt, den Nicht-Tribals Geld angeboten. Bei ihm waren es 40.000 Rs. bei sofortiger Umsiedlung. Dazu ein neues Haus. Wenn er jetzt nicht geht, bekommt er nur das ihm gesetzlich zustehende Haus und kein Geld. Die Non-tribals bekommen Haus und Grundstück und für ihr Land das ortsübliche Geld. Bei Government Land ist das sehr wenig. Landlose Nicht-Tribals bekommen den lohn für 265 Arbeitstage, d.h. 40.000 Rs.Die Tribals bekommen Haus und Grundstück und dazu Land gegen Land. So wird ihnen ihre Lebensgrundlage gegeben. Das Land wird außerdem geschützt und verbleibt Eigentum der Regierung. Soweit die Versprechen der Regierung von A.P. Im Moment wird die nördlich der Straße gelegene Seite landwirtschaftlich genutzt und im Süden der Straße wachsen Büsche, Bäume und Steine. Dieses Land hat die Regierung der Forstbehörde entnommen und dafür offenbar irgendwo Ersatz geboten. Unser Fahrer und die Pastoren bestätigen, dass die Tribals solche Lebensform und auch die Umsiedlung ablehnen. Aber es wird ihnen keine andere Alternative geboten. Unser Fahrer kämpft nicht gegen die Vertreibung (obwohl er wirklich gegen das Projekt ist und vor allem die Tribals und Dalits als Opfer sieht!), weil er Angst hat, am Ende nichts zu bekommen. Ich halte das Vorgehen der Regierung für einen gravierenden Eingriff in die Lebensweise dieser Leute. Selbst wenn die Regierung zu ihren Versprechen steht, was ich nicht glaube, passen die Tribals nicht in diese Umgebung. Eine Schnellstraße mittendrin! D.h. auch Läden, Raststätten, Müll, Durchgangsverkehr, nächtliches Hupen und Motorengeräusch und ich weiß nicht, was sich alles auf den Straßen Indiens noch zuträgt. Wo das Land der Tribals für die Landwirtschaftliche Nutzung  liegt? Genau wusste der Fahrer das auch nicht. Hier jedenfalls sind nur die Siedlungen geplant, zu beiden Seiten der schnell und stark befahrenen Schnellstraße! Offenbar liegt das geplante Land noch weitab und die Leute können es nicht direkt von ihren Höfen aus bewirtschaften, oder nur unter großem Aufwand.Ähnliches Land hat die Regierung von A.P. (also der nette Herr Chief Minister, mit dem ich im Flugzeug unterwegs war) auch für die anderen Mandals gekauft. So soll in der Gegend von Sandrakunta Land für Borgampadu-Kokonoor gekauft worden sein, bei Cherla (an der Staße Bhadrachalam/Cherla) für Nellipaka-G.J.Padu-Kunavaram-Chritti also auch die Sabaridörfer und in der Gegend von Vinayakapuram für die östlich von Yelerupadu betroffenen Regionen, also auch Koyda, Yedavalli usw.  Bevor wir ins Dorf Alligudem fahren, machen wir noch zwei Mal Halt, zunächst am neuen Kirchenbüro der GSELC. Es ist noch nicht fertig. Der Eigner ist ein Onkel von Pastor Daniel, der uns begleitet. Familienwirtschaft? Es sind 4 Räume. Etwa 10 Plastikstühle, 2 Schreibtische und ein Stahlschrank sind schon vorhanden. Ich frage, warum die GSELC ausgerechnet hier das Büro machen will. Die Antwort Daniels: Weil sich die Kirche hierhin verschiebt. M.E. wäre Kukunur oder ein anderer Ort besser gewählt. Falls der Stausee kommt, wird die Kirche sonst sehr, sehr groß und Nord und Süd kaum zu verbinden. Auch im Norden würde sie sich ja bis nach Cherla ausbreiten. Noch dramatischer jedoch würde sich das Verhältnis Tribal/Nontribal verändern. Schon jetzt sind im südlichen Missionsgebiet, das ich hier bereise, wenige Tribaldörfer zu finden.Dann suchen wir die Kinder der GSELC Pastoren im Hostel der English Medium School auf, einem katholischen Internat. Hierhin mussten die Kinder umgeschult werden, da sie wegen des Streites Bhadrachalam verlassen mussten. Es ist schon dunkel. Wir fahren über ein großes Schulgelände zum ganz hinten liegenden Hostel. Dort brennt wenig Licht. Eine Schwester in Tracht kommt an die Tür, eher einer Wache gleichend als einer Betreuerin. Sie hört unser Anliegen kritisch an und erst nach einigem Zögern holt sie die 14 Kinder der Pastoren heraus. Der größte und älteste ist der Sohn von Timothy, der kleinste der von little Isaak. Timothys Sohn traut sich als Einziger, englisch zu reden. Es geht den Kindern hier wesentlich besser als in Bhadrachalam, sagen sie. Allerdings steht die Schwester daneben und hört mit. Nach kurzem Gebet und Wandenale ist der Kurzbesuch zuende. Bevor wir von der vorhin beschriebenen langen Pause in Alligudem aufbrechen, beten wir noch für zwei Häuser und fünf Mädels, die gerade Examen gemacht haben. Ich habe ihnen die Bilder im PC gezeigt und wir haben über Indien und Deutschland gesprochen. Die Mädchen sind in der Jugendarbeit aktiv und haben ein ganz enormes Temperament. Wenn sie dem Rat Daniels folgen, setzen sie dieses in Zukunft für die Evangelisation ein. Daniel erzählt, dass er in seiner Heimatgemeinde Narayanapuram eine kleine Abendschule für junge Erwachsene aufgebaut hat. Anfangs waren es nur vier, jetzt sind es 10 Leute und er behandelt mit ihnen Alltagsthemen.

Ashwaropeta

Im Zentrum der Kleinstadt nehmen wir Cooldrinks zu uns auch wenn es jetzt so gegen sechs Uhr langsam kühler wird. Amos, Daniel (der 1.) und später auch Timothy stoßen zu uns. Über den vorläufigen Prozessausgang mit der zwingenden Vorladung Pauls sind sie erfreut auch wenn Daniel etwas Zweifel hat und befürchtet, dass Paul den Richter noch "überzeugt". Amos dagegen ist sehr besorgt wegen des Verfahrens wegen seines Passes. Nun hat der Beamte wieder Geld haben wollen und den Pass einkassiert, wieder ohne Quittung (ich fasse es nicht!). Und morgen schreibt er einen Report. Amos fürchtet, dass jetzt ein Verfahren auf ihn zukommt – aber immerhin hört das dann halbwegs mit dem Schmiergeld auf. K.Abraham wurde angeblich in Ashwaropeta gesehen. Amos meinte zunächst, er wüsste über meine Anwesenheit Bescheid, doch nachher stellte sich das als bloße Vermutung heraus.Ich telefoniere mit Philip, der auf dem Rückweg von Madras ist. Am Freitag will er mit mir nach Bhadrachalam zum Anwalt fahren. Ich hatte diesen Wunsch geäußert. Am Abend höre ich allerdings, dass die Stadt wegen des Rama-Festivals vom 5.-7.4. strengstens kontrolliert wird und man in alle Koffer sieht. Der Premierminister kommt (den kenne ich ja nun schon) und die Behörden haben Angst vor bewaffneten Naxalites (maoistischen Terroristen), die das Fest stören und hochrangige Politiker bedrohen.  D.Prabudas ist hier Evangelist. Er wohnt, zusammen mit seine Frau, die aus Nordindien stammt, und seinem Baby, in einem gemieteten Haus am südlichen Stadtrand und nahe der stark befahrenen Straße nach Vijayawada. Zwei Räume stehen den beiden zur Verfügung. Im Abendmeeting zeigt sich, dass er gerne evangelisiert, vor allem mit dem Mikrophon. Auf einer Straße im Dorf ist ein Baldachin aufgebaut. Auf den Matten sitzen etwa 60 Leute, davon etwa 15 Männer und 10 Kinder, ansonsten die eigentlich immer in der Mehrzahl vorkommenden Frauen. Ich predige wieder über Markus 1,35-38, dem Ein- und ausatmen des Glaubens. Einzelne bleiben stehen als sie an der singenden und zuhörenden Gemeinde vorbeikommen. Doch es ist anders als in den einsamen Stammesdörfern wo sich die Leute neugierig die Nase an den Zäunen platt drücken. Ich werde hier wieder nicht so „warm“ mit den Leuten wie in manchen anderen Gemeinden.Die Predigt gewinnt an Nähe als das Mikrophon ausfällt, wieder einmal ein Beweis für meine These, dass diese Technik letztlich nicht hilfreich ist.Es ist bereits 23.40 Uhr als ich diesen Bericht abschließe. Die Brüder schlafen um die Ecke, ich in der Nähe der Klohäuschen. Dennoch ist mir das lieber als an der Straße zu schlafen. Man hört die lauten Trucks sehr gut, wenn sie auf der immerhin einige hundert Meter entfernten Straße vorbeifahren. So wird es den nach Ashwaropeta umgesiedelten Menschen dann auch gehen. Bis eben ging es bei den Pastoren recht lebhaft zu. Ich finde es gut, wie sie die Dinge ausdiskutieren, auch fröhlich dabei sind und wie sie miteinander umgehen. Kurz bevor ich ins Bett gehe, bitten mich Amos, Timothy und Daniel um kurzes Gehör. Etwas ängstlich wie mir scheint, erzählen sie, dass beim Abendmeeting ein Spion das Ganze beobachtet hat. Der hier völlig unbekannte Mann war wohl beim Haus des Evangelisten und hat den Fahrer, der dort wartete, nach uns gefragt. Der hat ihn zum Meeting geschickt und dort hat der Mann in unserem Rücken gesessen, alles beobachtet und immer mit dem Handy telefoniert. Von einer Frau gefragt, wer er sei hat er nicht geantwortet.Nun denn, dies war vom Ort her ein öffentliches Meeting, da es auf einer Straße stattfand. Es war ein Gemeindetreffen von den Teilnehmenden her gesehen und vom Inhalt. Dennoch beschließe ich, was die Absicherung unserer Reisen angeht, mit dem Anwalt zu reden. (PS: 6.4. morgens stellt sich heraus, dass der Mann ein Freund des Pastoren ist und völlig harmlos. Die kleine Begebenheit zeigt die Angst, die in den Brüdern steckt. Sie hören das Gras wachsen.) Leider träume ich dann auch noch von solchen  merkwürdigen Elementen: Ich werde überfallen und ausgeraubt. Als ich in der Nacht wach werde, freue ich mich, dass mein PC gut bewacht ist.

Donnerstag, 6.April 2006

Die letzten Dörfer im Süden ...

Heute schlafe ich unter Kokospalmen. Schon als wir gestern ankamen, wurde das schnell registriert und ich verschob meine Pritsche. Es wäre schon seltsam, wenn es in Deutschland heißen müsste: Hermann wurde von einer Kokosnuss erschlagen. Also steht das Bett in sicherem Abstand. Der Blick zum Himmel jedoch ist schon toll: Die Prächtigen Blätter am schlanken Stamm und darüber der sternenreiche Himmel.Obwohl in einer Stadt, werde ich doch nicht von lauter Musik geweckt. Nur eine Moschee meldet sich kurz zum Gebet. Erst jetzt, da ich dies schreibe, ertönt Popmusik aus einem der Nachbarhäuser. Leider haben mich in der Nacht einige Mücken gestochen und morgens umschwirren sie meine Füße. Wie immer scheinen auch in diesem Jahr die Mücken vor allem die Städte heimzusuchen. In abgelegenen Dörfern finde ich selten eine.Hier die Morgenstimmung zu beschreiben entspräche nur teilweise dem vorigen Bericht. Die Hähne, das Fegen, das Klappern von Geschirr ... hier jedoch ist es wesentlich enger. Es fehlen die Tiere und ihr Geruch, und die Hütten, und das Klo in den Büschen mit Ausblick auf die Natur ...Amos und Timothy verabschieden sich. Um 10.00 Uhr müssen sie im Gericht sein. Sie bitten um Gebet. Wie alles wird auch dieses Anliegen von Gebet begleitet. Nur vor den Autofahrten haben wir (anders als in anderen Jahren) bis jetzt noch nicht gebetet. Ob das an den Begleitern liegt oder am Fahrstil des Drivers bleibt offen. Auch David, mein Übersetzer, betet abends kniend vor seinem Bett. Ich schlafe schon fast, da kniet er immer noch. Das freut und beschämt mich zugleich.  Ich biete meinen Brüdern Fishermens Friend an. Die sind wegen ihrer Schärfe ganz nach ihrem Geschmack! Vom Evangelisten bekomme ich einen Palmfächer, der mir gut gefällt. Für nur 3 Rs. werden die verkauft.

Jillelagudem

Unser erstes Ziel an diesem Morgen erreichen wir gegen 9.00 Uhr. Der Evangelist Simon ist hier tätig und legt die Distanz zwischen hier und Kothuru (Medipalli) mit seinem Motorrad zurück. Drei mal die Woche ist er hier, besucht Familien und hat mittlerweile immerhin 40 Gemeindeglieder gesammelt. Von 300 Einwohnern sind also schon mehr als 10% Christen. Im Meeting sind etwas über 20 Leute. Ich erzähle die Barrabbas Geschichte und die kommt ganz gut an. Während des Meetings grunzt hinten dauernd eine Kuh. Was übrigens neu in der GSELC ist: Die Redner werden nochmals gelobt und die Gemeinde klatscht. Das habe ich so kaum in Erinnerung.Wir fahren den Weg wieder zurück Richtung Ashwaropeta, biegen jedoch vorher nach Süden ab. Die Gegend ist fruchtbar. Überall sind Kechewnut Plantagen angelegt. Auf dem Weg nach Jillelagudem gibt es aber auch viel Teak- und Eukalyptuswald, angebaut für die Papierindustrie.

Bothapagudem

Wir besuchen in der Gemeinde von Evangelist Abraham ein Haus. Dieser Ort wiederum in Richtung Norden ist ein reines Stammesdorf. Kein einziges festes Haus stört die Optik. Fast zu romantisch liegen die Hütten nebeneinander, die Wasserbüffel auf dem Sandweg davor und die Kleidung zum Trocknen über den Zäunen. Abraham hat hier 15 Leute für Christus gewonnen, ein guter Anfang unter den 200 Einwohnern des Dorfes. Ein Mädchen singt „I am happy today!“ auf Englisch mit ebenso vielen Strophen wie die indischen Lieder. Ich predige über den Sündenbock, da das Thema Kreuz und Vergebung in dem Lied vorkam. Nach der Andacht und den persönlichen Segnungen werde ich in ein Haus gebeten um dort für eine Kranke zu beten, die schon lange mit Fieber und völlig geschwächt auf der Pritsche liegt. Wieder wird die schwere Situation wegen fehlender ärztlicher Versorgung deutlich. Allerdings war diese Frau schon beim Arzt.Hier hätte ich gerne noch bleiben und übernachten mögen. Die Leute waren überaus aufgeschlossen und mir gefallen diese einfachen Tribaldörfer einfach am besten.

Rautugudem

Weiter gen Nordosten kommen wir nach Rautagudem. In diesem Ort leben über tausend Leute. Vor 18 Jahren hat hier ein Mann mit der Evangelisation begonnen und eine Freikirche gegründet zu der in den besten Zeiten 150 Familien gehörten. Jetzt werden kaum Hausbesuche gemacht und es sind nur noch 50 Familien, von denen so um die 30 Leute in den Gottesdienst kommen. Die Frau des inzwischen verstorbenen Pastoren mit vier Töchtern, von denen die zwei jüngsten noch Zuhause sind, leitet die Gemeinde.  Als wir ankommen, warten Amos, Timothy und Daniel auf uns. Wieder hat es mit dem Gericht nicht geklappt. Der Anwalt aus Bhadrachalam wollte oder konnte irgendwie nicht kommen. Er hat gesagt, auch die Brüder müssen nicht nach Khammam, weil er einen ihn vertretenden Anwalt schicken wollte.  Alles ist irgendwie befremdlich und vor allem Amos ist traurig und frustriert.Nach meiner Auslegung über das Kreuz – und Christus ist da, wenn wir leiden – geht es allen wieder etwas besser. Wir beten noch einmal für die Gerichtsverhandlung. Beim Meeting sind über 50 Leute und die Botschaft vom Kreuz als dem Weg Jesu in unser Leiden und Sterben scheint sie wirklich anzusprechen.  Nach dem Essen (Chicken und Reis, was sonst!) fahren wir auf abenteuerlichem Weg in eine Nussplantage. Diese Mittagspause wird anders. Zwar sitze ich auch jetzt wieder mit meinem PC und eben bläst eine kräftige Brise über meinen hemdlosen Rücken, aber die Brüder, insgesamt 12!, sind dabei. Sie hacken Kokosnüsse auf, rösten Keshewnüsse, die gerade reif werden und vergnügen sich mit mir zusammen unter einer dicken Wasserleitung, die einen 12 cm dicken Wasserstrahl in die Plantage pumpt. Timothy bringt mir eine Kokosnuss mit aus einem dünnen Bambusrohr selbst gebastelten Strohalm. Köstlich! Die Mädels von der Pastorenfrau haben mir noch, etwas verschämt wie immer, einen Lungi (eine Art Wickelrock für Männer) in Zeitungspapier verpackt, damit auch ich baden kann. Obwohl wir nur unter Männern sind, geht es dabei natürlich immer bekleidet zu. Neben mir schnarcht Amos, springt aber plötzlich auf und telefoniert. Die Handys sind überall dabei und die leitenden Brüder sind echt angespannt. Heute Abend wird auch Philip zu uns stoßen.Von Timothy erfahre ich, dass Peter gestorben ist. Er kam bei einem meiner Besuche vor vielen Jahren in Chakkaripalli zum Glauben und seitdem habe ich ihn immer wieder getroffen. Er hatte Hodenkrebs und obwohl wir im Oktober 2005 noch versucht haben, ihn durch eine ärztliche Behandlung zu retten, hat es nichts genützt. Nun ist ein mir nahe stehender Mensch hier in Indien gestorben, nach Prabudas und Katakshamma ist es schon der dritte Freund hier. Es ist enorm, welch intensive Beziehungen über diese lange Zeit entstanden sind auch wenn wir uns selten sehen und uns sprachlich kaum verständigen können.Wir dösen etwas. Dann kommt Philip mit einem Ambassador aus Rajahmundry. Er war in Chennai bei der UELCI und berichtet von seinen Gesprächen dort. Auch erzählt er, dass die Gerichtsverhandlung nicht zu Ende ist. Der vom  Anwalt beauftragte Vertreter in Khammam hat der Einrichtung einer Kommission zugestimmt, die Paul Raj befragen soll. Für alle anwesenden Pastoren ist das ein erneuter Rückschlag. Leider hat es wegen des Ramafestes mit einer halben Millionen Menschen in Bhadrachalam keinen Zweck, dorthin zu fahren zumal der Anwalt als Hindu selbst mitfeiert. Insgesamt sinkt die Stimmung mit Philips Ankunft und seinem Bericht. Die Gruppe wirkt jetzt depressiv – aber vielleicht liegt das auch daran, dass alle noch etwas benommen vom Mittagsschlaf sind. Wir verlassen unseren Nussgarten erst gegen halb sechs. Das Wasser, bzw. der Strom wurde ohnehin leider während unseres Schläfchens abgestellt. Es konnte also nicht mehr gepumpt werden. Ich bete noch für den Besitzer des Gartens, wir fahren zurück ins Dorf und beten dort für die Pastorenfamilie – immer natürlich, weil sie mich darum bitten. Als ich mich bei der Tochter, die mit den Lungi geschenkt hatte, bedankte, sagte sie: „Damit Du etwas für den Sommer hast“. Ich finde das richtig nett. Auf der Straße bei unseren Autos stehend klären wir noch einige Details und buchen das Hotel in Hyderabad für mich. Ich werde nun morgen früh losfahren.

Gadidaboru

Unterwegs kommen wir durch Doramamidi. Der Weg führt nun in Richtung Godavari. Wir sind ungefähr auf der Höhe von Polavaram, jedoch noch weit vom Fluss entfernt. In der Ferne sieht man die Bergkette auf der anderen Seite des Flusses.  Eine lange Schlange kriecht über die Straße, mit merkwürdigen seitlichen Bewegungen.Pastor Akula Sasthry leitet die Gemeinde Gadibaboru. Es gehören 60 Mitglieder zur Gemeinde in einem Ort von 400 Einwohnern. Vor neun Jahren hat der Pastor mit der Arbeit in diesem Tribaldorf begonnen und sie bisher als freie Gemeinde geführt.Bevor Philip fährt, diskutieren wir auf der Straße oberhalb des Dorfes noch die Ausdehnung der GSELC. Ich äußere offen meine Bedenken. Jetzt, nachdem ich diese südlichen Gemeinden bereist habe, erscheint mir das Gebiet viel zu groß. Vor allem Timothy hat diese Reise geplant. Auf den Hintergrund der sensiblen Situation hat er mich lieber aus den Stammgemeinden heraushalten wollen. Und er hat die Chance nutzen wollen, die Gemeinden im Süden, die schon lange um Integration in die GSELC bitten, stärker einzubinden. Hier gibt es kleine Familienzentren, die von GSELC Evangelisten gegründet und begleitet werden. Aber es gibt eben auch schon länger bestehende kleine Freikirchen, die ihre eigene Tradition haben. Schon vor Jahren war ich mit Paul Raj hier und er hat mir von Anfragen aus der Region erzählt. Er war damals klug, diesen nicht nachzugeben. Nun fürchte ich, dass die jungen und dynamischen Brüder dieser Versuchung einer Vergrößerung der Kirche erliegen.Ich spreche das also an und wir diskutieren. Schnell machen Timothy und Daniel einen Rückzieher und sagen, nichts sei festgelegt und man könne die Gemeinden ja erst einmal beobachten. Gerade wegen Polavaram erscheint es ihnen als wichtig, die Gebiete um die neuen Siedlungen zu erschließen. Philip und Amos teilen meine Kritik. Daniel und Timothy folgen dann aber auch. Ich hoffe, das wirkt sich aus und wir sammeln Argumente für eine Konzentration der Arbeit auf den Bereich zwischen der Straße Bhadrachalam/Cherla und Ashwaropeta. Da kommen viele Argumente zusammen: Es stehen viel zu viele Probleme auf einmal an. Das Gebiet wir unüberschaubar groß, kaum zu bereisen. Die Kräfte werden gesplittet, es entstehen nur kleine aber keine kraftvollen großen Gemeinden, die auch ihren Pastoren finanzieren können. Gerade die Herausforderungen des Polavaram-Projektes erfordern den Blick auf jene, die umgesiedelt werden und deren neue Einbindung in die Kirche. Die Freikirchen haben eigene Traditionen und eigene Geschichten, was für Konfliktstoff sorgt. Die Mitarbeiterschar bläht sich auf und wird nicht finanzierbar. Die Südgemeinden bringen viele Non-Tribals in die Kirche, was wiederum Konfliktstoff birgt. Es arbeiten in vielen der Dörfer schon andere Kirchen. Viel sinnvoller ist die Zusammenarbeit und Arbeitsaufteilung. Z.B. mit der Tribal-Mission von Davids Freund und ähnlichen Gruppen können Vereinbarungen getroffen und Predigttausch vereinbart werden wie es schon jetzt geschieht.Ich bin sehr froh, dass sich die Brüder auf die Argumente einlassen. Ich hoffe, sie diskutieren das Thema im Exekutive. Mir ist anhand dieser Fragestellung sehr deutlich geworden, dass die GSELC unsere Anregungen dringend braucht. Als Partner „from the very beginning“ und jene Freunde, die die Situation gut kennen und gleichzeitig die Kirche lieben, sind wir jetzt dringender denn je gefragt, da die Brüder all die Verantwortung tragen lernen müssen, die bisher ihr Eiagaru übernommen hatte. Dies ist für sie wahrlich eine riesige Herausforderung und Fehler sind fast unvermeidbar.Inzwischen ist es dunkel geworden. Wir alle nehmen ein Bad am Bohrbrunnen und gleich, gegen 20.30 Uhr wird das Meeting beginnen. Es wird mein letztes Meeting während dieser Reise sein. Schön, dass es in einem Tribaldorf sein kann!Mehrfach sehen Amos und ich uns an während des Meetings. Hier trifft genau das zu, was wir vorhin auf der Straße beschrieben haben. Zwei Frömmigkeiten treffen aufeinander. In gewisser Hinsicht ist die GSELC pfingstlicher als die hiesige Pfingstkirche, die einen recht tristen Eindruck auf mich macht. Die GSELC betet intensiver und kennt verschiedene exstatische Ausdrücke. Die Gemeinde hier empfinde ich eher als abgekühlt. Der Pastor macht einen etwas verkniffenen Eindruck und scheint seine Leute ziemlich anzutreiben. Vor allem die Lieder sind sehr unterschiedlich und gegenseitig nicht bekannt. Die GSELC singt wesentlich schneller und temperamentvoller.Meine Auslegung mache ich wieder zu 1.Kor.1,18 - das Wort vom Kreuz. Wieder wird sehr aufmerksam zugehört. Wir sind zusammen etwa 45 Personen, davon 10 aus der GSELC. Am Ausgang hinter mir sitzt ein weiterer Pastor, ein dicker Mann im blauen Hemd, der sich dort wie ein Türposten an einer Kneipe ausmacht.Nach dem Gebetstreffen verteilt die Pastorenfrau Essen. Wir bekommen wieder, na was wohl? Einige Leute essen in der Kirche. Der Abend zieht sich. Daniel (ich nenne ihn Nr.2), der sich immer sehr um mich sorgt, hat mir eine Pritsche bereitgestellt und Decke und Kissen besorgt. Allerdings sind noch Leute da. Eine Frau fegt die Kirche. Die Pastoren sitzen auf der Pritsche unter einem Baum und quatschen. Zwei Mädels aus der Nachbarschaft bringen mir noch ein Zusatzkissen. Fünf Frauen bzw. Mädchen waschen das Geschirr ab. Diese mühevolle Arbeit an den silbernen Blechgefäßen kostet nach jeder Mahlzeit viel Zeit. Mit einer schwarzen Paste, die selbst zubereitet ist, werden die Töpfe gereinigt und werden blitzblank. Ich schließe meinen PC an und mache mich bettfertig. Es ist 23.15 Uhr.

Freitag, 7.April 2006

Hyderabad, on the road again

Kurz nach Fünf beginnt das Konzert der Hähne und ich wache auf. Wieder genieße ich, noch auf der Pritsche liegend, den Morgen. Ein kurzes Gebet und ohne große Umstände brechen wir früh auf. Die Bindungen zu diesem Pastor sind nicht besonders intensiv und ich meine zu erfassen, dass diese Gemeinde nicht zur GSELC passt. Unterwegs im Auto spreche ich mit Amos noch einmal über die Pläne im Dezember. Ich bitte ihn, falls uns wegen der Besuche noch einmal Schwierigkeiten gemacht werden, dass er dann auch in unserem Namen den Anwalt einschalten soll. Auch nenne ich ihm noch einmal die Argumente, die gegen die Verdächtigungen sprechen: Wir sind jeweils eingeladen worden; wir treiben Sozialarbeit und humanitäre Hilfe, nicht Mission; wenn wir überhaupt bei Taufen mitgewirkt haben, dann auf Bitte von Paul Raj und als Assistenten; dass viele Tribals einen eigenen Staat wollen und er damit übereinstimmt, hat Paul Raj uns erzählt; wir leiten alles Geld über offizielle Stellen; wir haben die Visa jeweils mit konkreten Ortsangaben beantragt; wir fahren in die Dörfer weil dort die Kinder für die Hostel herkommen und wir den Kontext wahrnehmen; wir predigen, wenn überhaupt nur in geschlossener Gesellschaft der Christengemeinde; wir können kein Telugu und sind so auf die jeweilige Übersetzung angewiesen. In Ashwaropet frühstücken wir in einem Restaurant an der Straße. Für acht Leute zahle ich 90 Rs.! Das reicht in Hamburg Airport nicht für einen einzigen Kaffee. Wieder wird viel mit dem Handy telefoniert. Ich spreche die Kosten an. 1000 Rs. monatlich, sagt Timothy. Ich erzähle, dass die Kirche in Deutschland Handys nicht finanziert und auch die GSELC darüber nachdenken sollte, wie sie Kosten sparen kann. Wir warten auf mein Taxi, einen Kleinwagen Tata Indicar mit AC. Der Abschied ist sehr herzlich. Immerhin haben wir in den vier Tagen zusammen 19 Dörfer besucht, jeweils mit Meetings und Hausbesuchen. Das schweißt zusammen und besonders mit Daniel Nr.2, den ich bisher wenig wahrgenommen habe, verstand ich mich recht gut. Aber auch Simon, Daniel Nr.3 und Paula habe ich besser kennen gelernt. Die Fahrt nach Hyderabad dauert nur bis 14.00 Uhr, da der Fahrer ziemlich schnell fährt. Ich fand, es gab da einige brenzlige Situationen und ein Unfall, den wir unterwegs direkt vor uns gesehen haben, bestätigt das. Da ist ein LKW auf einen Kleinwagen wie unseren aufgefahren und hat nicht rechtzeitig abgebremst. Dem LKW ist das Rad abgebrochen, der Kleinwagen ist hinten völlig eingedrückt und hat sicher Totalschaden. Den Leuten ist nichts passiert. Aber der Unfall warnt auch den Fahrer. Mir scheint, er fährt danach etwas vorsichtiger.Im Grunde kann ich mein Reisetagebuch hier beenden. Die Kleinstädte am Wegrand gleichen sich weit gehend. Eine breite Durchgangsstraße, einige enge Nebenstraßen oder Wege. In der Mitte der Durchgangsstraße die stark frequentierte Fahrbahn, daneben auf beiden Seiten ein Streifen Sand und Müll, wo sich auch die fliegenden Händler mit Obst, Gemüse, Gewürzen usw. aufstellen und an der Häuserfront die Läden, die wie Garagen abends zugerammelt werden.  Überall wird verkauft und angeboten. Ich frage mich oft, wie die vielen Händler hier überhaupt auf ihre Kosten kommen. Aber es funktioniert offenbar. Sogar ein Junge, der in einem der Dörfer, also eher abseits, seinen Tee- und Verkaufsstand hat, berichtet von 100 Rs. Umsatz am Tag und an Sonntagen wegen der Tempelbesucher bis zu 400 Rs. Hier an der Hauptstraße ist es mit Sicherheit entschieden mehr. Auch wenn das „Restaurant für die ganze Familie“, wo wir eine Dosa Masala essen, im Moment außer uns keine Kundschaft hat, wird dort mit Sicherheit viel mehr umgesetzt. Die vielen derartigen Hotels und Restaurants an der Straße sprechen eine deutliche Sprache.Zwanzig Kilometer vor Hyderabad beginnt eine vierspurige Schnellstraße. Wieder scheint die Nutzung dieser nicht allgemein bekannt zu sein. In der Mitte ist eine kleine Mauer zur Begrenzung und damit die Leute die Straße nicht ständig überqueren, also wird jede Seite zur Einbahnstraße. Trotzdem kommt uns ein Bagger mit Schiebeschaufel entgegen, als wollte er alle überholenden Autos wegräumen. Er fährt schön links, also für uns auf der Überholspur! Vier Wasserbüffel queren die Autobahn, stoisch wie immer. „Brake-Inspector“ werden sie genannt, Bremsprüfer. Dann, diesmal unter der Regie eines Hütejungen, quert im Eiltempo eine Herde Ziegen die Straße. Wir überholen ein TuckTuck mit überdachter Ladefläche. Zuerst denke ich, sie sind tot und ich sehe nur die fünf Köpfe. Aber dann bewegen sie sich doch. Die Kühe wurden irgendwie verschnürt und dann aufgeladen. Offenbar wurden sie im nahen Viehmarkt erworben. Armes Viehzeug!Unterwegs begegnen wir oft Gruppen von Männern und Frauen in Sonntagskleidern. Einer der Männer trägt eine geschmückte Götterfigur, andere machen Musik mit Trommeln und Trompeten. Heute ist Feiertag in ganz Indien. Sri Ramanavamis Hochzeit wird zelebriert. Vor allem in Bhadrachalam ist dies das Hauptfest des Jahres. Aber auch in vielen anderen Orten, sogar in einem kleinen Dorf durch das wir heute früh gekommen sind, wird gefeiert. Dort hat man wie anderswo auch in der Nähe von kleinen Tempeln mitten auf der Straße einen Baldachin aufgestellt. Wir fahren mit dem Auto darunter hindurch.Mir fällt auf, dass alle Hühnerfarmen, in dieser Gegend reichlich zu finden, leere Ställe haben. Ob die Vogelgrippe dafür die Ursache ist und die indischen Behörden rechtzeitig reagiert haben?Im Bereich der vierspurigen Straße liegen vor der Stadt diverse Vergnügungsparks. Ein Millenium-Garten, die große Rama-Film City mit riesigen Anlagen für die wachsende Filmindustrie Hyderabads und andere „Gardens.“ Jeweils große, repräsentative Tore mit diversen Ornamenten und Götterfiguren verziert, lassen prächtige Bauten erahnen, die allerdings erst über einen langen Zufahrtsweg erreichbar werden und deshalb oft unsichtbar bleiben. Reiche Familien haben ihre großen Einfamilienhäuser im Bereich dieser Zufahrtsstraße gebaut. Sie gleichen mit ihren Ummauerungen kleinen Festungen. „My home is my castle“ trifft hier voll zu.Das Castle dann allerdings zu finden, in dem ich ein Zimmer reserviert habe, fällt dem Fahrer schwer. Er fragt auch m.E. immer die falschen Leute: vier Arbeiter, die eine Buddel kreisen lassen und  zweimal Ladenbesitzer, die aussehen als hätten sie ihren Miniladen nie verlassen. Ich bitte ihn eindringlich, doch einen der vielen Taxifahrer zu fragen – und endlich hat er Erfolg.Für das Mietauto für die 4 Tage in den Dörfern habe ich je 900 Rs plus Diesel bezahlt (zusammen etwa 5.500 Rs.), dieses Minicar kostet nun 3.600 Rs. (5 Rs.je km plus 300 Rs. für den Fahrer). Da ist sogar das Fliegen von Rajahmundry günstiger. Das Amrutha Castle ist ein Hotel in Form einer Ritterburg. Das macht es etwas kitschig. Trotzdem habe ich mich dafür entschieden, da das Hotel günstig liegt, ich es kenne und es bezahlbar ist. Ob das Zimmer, in dem ich jetzt sitze, wirklich geeignet ist, weiß ich noch nicht. Ich höre den Straßenlärm sehr gut und hoffe, dass er nicht allzu sehr stört. Dann wechsle ich morgen noch einmal das Zimmer.Den Abend verbringe ich nach einer Ruhepause mit einem Bummel durch das Einkaufsviertel Abids. Es ist vom Hotel zu Fuß aber besser mit dem „Auto“ zu erreichen. Letzteres ist einige Bemerkungen wert. „Auto“ sind hier die Scooter oder Tuck-Tucks, nämlich die tausende herumfahrenden dreirädrigen Motorrikschas. Überaus wendig können sie gut durch den Verkehr kommen. Allerdings tobt ein erbitterter Konkurrenzkampf, da es zumindest in Hyderabad ein Überangebot gibt. Während man in der Rushhour in Bangalore kaum ein Auto bekommt, ist dies hier sehr einfach. Ziemlich schwierig, nicht nur wegen der Sprachprobleme, ist oft das Verhandeln des Preises. Da ist es gut, wenn man die Entfernung kennt oder einfach die Nutzung des Taxameters fordert. Damit sind die Fahrer allerdings schlecht bezahlt und deshalb vermeiden es viele, sich darauf einzulassen. In Hyderabad gelingt das noch eher als z.B. in Chennai. An Bahnhöfen und Flughäfen gibt es Prepaid Taxis. Man holt sich einen Fahrschein und bezahlt im Voraus. Das Einkaufsviertel wimmelt von Menschen. Saris, Stoffe, Kleidung, Schuhe, Silber und Gold, Schmuck, Leder und ... mir kommt es in einigen Gegenden vor als ob es nur sie dort gäbe, sonst nichts, Handys! Laden an Laden, so viele Handys habe ich noch nirgendwo gesehen! In den kleinen Nebenstraßen stehen Mopeds und Motorräder eng an eng. Die Scouter-Generation ist im Kommen! Im Abis allerdings kaufen Inder und Inderinnen ein. Entsprechend gestylt sind die Waren, die angeboten werden. Ich sehe mir noch zwei Hotels an. Das Taj Mahal, das im Abids liegt, recht einfach aber sauber ist und nur 1.100 Rs. kostet und das Hyderabad-Hotel, das 2.400 Rs. kostet, uns aber 20% Discount geben würde, ziemlich nahe dem Amrutha Castle liegt und recht ordentlich ist, dem Standard des Amrutha jedoch etwas unterlegen. Ich sehe mir jeweils auch die Zimmer an. Nach einem Bierchen und einem kleinen Imbiss in der Hotelbar geht der Tag für mich zu Ende.

Samstag, 8.April 2006

Hyderabad, shopping

Mein Eckzimmer 106 ist geräumig und gibt ein wenig den Blick auf die Straße frei. Entgegen meinen Befürchtungen war es in dieser Nacht recht ruhig. Erstaunlich, dass ich auf den krummen Korts in den Dörfern dennoch immer besser schlafe als in den Hotels. Das muss wohl an der frischen Luft liegen und an den Geräuschen bzw. der Stille. Die Zeitung berichtet vom Hungerstreik der Menschenrechtskämpferin Medha Patkar. Sie hat sich seinerzeit für die Verhinderung des Narmada Staudamms eingesetzt, ist jedoch ohne Erfolg geblieben. Immerhin hat sie die Entschädigung der Opfer vorangetrieben. Als jetzt die Nachricht kam, dass der Staudamm erhöht werden soll, was Vertreibung weiterer Dörfer bedeutet, ist sie in eine 10-tägigen Hungerstreik getreten. Die Narmada Bachao Andolan (NBA) unterstützt die dabei. Minister der Regierung M.P. sollten die betroffenen Dörfer besuchen, sind jedoch völlig anderswo gelandet. Dann wurden sie durch Demos aufgehalten, jemand hat den Schlüssel zu einem der Fahrzeuge geklaut – und da sind sie umgekehrt. Auch gegen solche Ignoranz wendet sich Medha. Der Fall Narmada zeigt, wie große Versprechen nicht eingelöst werden und wie man zunächst Zugeständnisse macht, die dann wieder zurückgenommen werden. Ich fürchte, das wird auch im Fall Polavaram so sein. Wegen einer Renovierung findet das Frühstück in der Hotelbar statt. Gestern Abend noch ein Männerclub und für indische Verhältnisse anrüchig, ist daraus heute ein Buffet geworden und Frauen wie Männer genießen das Frühstück. Am Ende dieses Tages esse ich nicht im Hotel, sondern nach dem Telefonat mit meiner Tochter genieße ich im Schnellimbiss gleich um die Ecke eine Dosa Masala. Die sind wirklich köstlich in den Straßenrestaurants! Allerdings sollte man sich einen Blick in die Küche sparen. Als die Tür sich kurz öffnet sehe ich in eine von Fett und Schmutz starrende Werkstatt. Von der Wand laufen schwarze Fettspuren. Die großen Pfannen und Töpfe sind schwarz wie die daran arbeitenden Köche. Einen Fan gibt es nicht. Doch wie gesagt, der Geschmack und die knackige Backweise der Dosa ist nicht zu übertreffen. Und ein Abendessen für 16 Rs. ist ja auch ganz nett.Ein paar Türen weiter kaufe ich ein Päckchen Kokosnusskugeln. Die sind zwar recht süß, schmecken jedoch sehr gut. Mir fällt bei der Gelegenheit auf, dass ich in Indien noch keine Schokolade gegessen habe und trotz des scharfen Essens noch keine Magenprobleme hatte. Es ist fast neun Uhr abends. Eine Abkühlung ist nicht zu bemerken. Die warme Luft steht in der Stadt. Als ich vorhin mit dem Auto zurück ins Hotel kam, war selbst der Fahrtwind warm. Ich schätze die Temperatur auf 34 bis 36 Grad. Auch wenn ich das Hotelzimmer nur kurz verlassen habe, bin ich wieder durchgeschwitzt. Heute war Shopping angesagt, da morgen die großen, modernen Geschäfte geschlossen haben. Zunächst habe ich mich jedoch gegen 10.00 Uhr auf den Weg gemacht um Dr.David Raju, den ich von früheren Besuchen kenne und schätze, zu besuchen. Allerdings habe ich mich in der Straße geirrt und bin in einem vor allem von Moslems bewohnten Viertel gelandet. Hyderabad ist ja eine der Städte Indiens, in der die Moslems einen hohen Prozentsatz ausmachen. Es gibt viele Viertel, wo sie sich konzentriert angesiedelt haben. Dazu gehört die Altstadt rund um die Mecca Masjid Mosche bzw. dem Charminar und eben auch das Viertel, in das ich gerate. Eine der alten Moscheen aus der Zeit der Qutb Shah, aus deren Dynastie vor 400 Jahren auch das Charminar stammt und die großen Kuppelgräber (Tombs), finde ich in diesem Viertel – und einen Friseur! Gleich schräg gegenüber der Moschee sind alle drei Stühle frei. Sofort nehme ich in einem Platz und bekomme eine schnittige Frisur nach indischem Vorbild (hinten schön rund geschnitten). Für 25 Rs., also 50 Cent ist der Haarschnitt richtig gut, zumal ich gleich noch eine kräftige Kopfmassage und die Wegbeschreibung zur Lutherischen Kirche mitbekomme. Die Massage halte ich übrigens (das ist jetzt ein Scherz, keine Diskriminierung!) für den eigentlichen Grund, dass die Inder immer den Kopf schütteln, wenn sie „Ja“ meinen. Wenn man im Laufe seines indischen Lebens beim Friseur immer diese Massage bekommt, kann nicht mehr alles richtig fest sitzen! Ich erreiche die Kirche gut zu Fuß. Allerdings ist David Raju nicht mehr da, sondern wieder an das ACTC versetzt. Ich habe eben versucht, ihn anzurufen, hatte aber nur den Direktor des Colleges auf seinem Handy dran und das war so gut wie gar nicht zu verstehen. Ich werde also morgen mal dorthin fahren und sehen, dass ich David Raju direkt erreiche. Da die GSELC jetzt den Kontakt zum ACTC wieder aufnehmen wird, kann dies nur gut sein. Nun aber zum Shopping. Abids, von dem ich gestern berichtet habe, ist ein typisch indisches Einkaufsviertel mit unzähligen vor allem kleinen Geschäften. Hyderabad Central dagegen ist ein großer Shoppingmall, der eher einem unserer Kaufhäuser gleicht und auch eine ebenso breite Angebotspalette aufweist. Hier kauft die Oberklasse ein. Aus indischer Sicht sind die Preise hoch, für uns eher günstig. Ich war vorher schon im Shoppers Stop nahe dem Flughafen, muss aber sagen, dass das Angebot im Hyderabad Central noch größer ist. Ich erstehe zwei Markenjeans für je ca. 20€ und diverse andere Sachen, auch Mitbringsel. Inzwischen kaufe ich meine gesamte Kleidung hier in Indien. Auch die Markenkleidung ist nur halb so teuer wie in Deutschland. Mit dem Schuhkauf tue ich mich allerdings schwer, doch das liegt nicht an der Auswahl, der Qualität oder an den Preisen, sondern an meiner Unentschlossenheit und meinen schmalen Füßen. Gute Qualität gibt es auch hier in Indien, zumal ja die viele Schuhe, wie z.B. Deichmann, hier produziert werden. Ich hoffe, die Sandalen, die ich mir kaufe, gehören dazu. Schuhe kauft man wegen der großen Auswahl am besten in The Lofts, ganz in der Nähe des Kaufhauses. Die Autodriver wissen, wo das ist. Übrigens: Ich mache wieder sehr gute Erfahrungen mit den Drivern. Sofort gehen sie ohne Murren darauf ein, mit Taxameter zu fahren. Nur Warten und das dann berechnen, das wollte einer nicht. Offenbar gibt es genügend Kunden. Die Strecke vom Amrutha Hotel zum Shoppers Stop (oder auch zum Flughafen) kostet so 50 bis 60 Rs. Allerdings habe ich ja am Anfang der Reise festgestellt, dass nicht alle Autos eine Zulassung für den Flughafen haben. Also werde ich morgen Nacht mit dem Taxi dorthin fahren auch wenn es teurer ist. 

Sonntag, 9.April 2006

Hyderabad, relax mal!

Da ich am Morgen rechtzeitig aufwache, beschließe ich, in den Gottesdienst der lutherischen Kirche zu gehen. Um 8.00 Uhr wird dort in Englisch, um 11.00 Uhr in Telugu gefeiert. Mit dem Auto ist es zwar nicht weit, aber ich dirigiere den Fahrer einmal falsch und wir drehen eine Runde. Am Zugang zur Kirche sitzen, wie überall an religiösen Orten, Bettler und Stände mit Schriften sind aufgebaut. Als ich etwa 15 Minuten zu spät ankomme, ist die Kirche noch nicht voll. Draußen stehen vier Fernseher zu Übertragung de Gottesdienstes und viele Stühle unter Schatten spendenden Baldachin. Als ich dann, etwas vor Ende des Gottesdienstes gehe, ist die Kirche voll und mit über 500 Leuten besetzt. Die Leute scheinen der Oberschicht oder der Scooter-Schicht (Mittelschicht) anzugehören. Alle erscheinen im Sonntagsstaat. Es kommen fast so viele Männer wie Frauen, was mich erstaunt, ist es doch sonst überall anders. Die Kirche ist anlässlich des Sonntags mit Palmenzweigen geschmückt. Die Spitzen der Palmblätter sind mit Jasminblüten verziert worden. Drei Hymnen werden gesungen. Zwei davon sind nicht bekannt, so dass sich der Gesang sehr dünn anhört. Die Orgel spielt auch lutherisch. Drei Pastoren im weißen Talar mit dunkler Stola sitzen vorne am Altar. Einer davon predigt über den Einzug nach Jerusalem. Er ist ein in Hyderabad aufgewachsener Gastprediger. „Many of my relatives are here!“ sagt er, also ein Heimspiel. Das ist wieder mal so typisch Indien: Jeder scheint fast mit jedem irgendwie verwandt zu sein. Die Predigt ist sehr sachlich und fundiert. Der Prediger hat eine gute Exegese gemacht. Er redet die anwesenden zumeist mit „Dear children of God“ an, sagt dann auch immer mal wieder nur „Liebe Kinder!“ Am Ende allerdings kommen viele aneinander gereihte Appelle, mit viel Pathos vorgetragen. Dann folgt eine Aufführung der Sonntagsschule. Zwei Kuscheltiere unterhalten sich über Palmsonntag (ich muss an den Tag der Gemeinde im letzten Jahr denken). Es folgt ein Tanz der älteren Mädchen. Da diese unglaublich spritzig und fröhlich lachend ihren Tanz darbieten, sieht es richtig gut aus und die Gemeinde klatscht. Letzteres scheint hier ehr ungewohnt zu sein. Dann führen die kleineren Kinder noch ein Sprechspiel auf. Ich mache einige Fotos und gehe den kurzen Weg zurück ins Hotel. Relaxen. Ich mache es mir oben am Swimmingpool des Hotels bequem. Man sollte meinen, der Pool  sei stark frequentiert. Denkste! Nur vereinzelt tauchen außer mir andere Hotelgäste auf. Es ist schön hier oben: Im 5.Stock, mit Blick auf die kleinen Türmchen des Hotels und den Birla-Mahir Tempel scheint der Pool in eine andere Welt einzuladen. Klares Wasser, etwa 15 m lang und 6-8 m breit, Blumen und Grünpflanzen, zwei Liegen, Gartenmöbel – hier kann man sich wohl fühlen. Das Wasser ist von der Sonne erwärmt, die Luft erträgt man, wenn man sich immer wieder abkühlt. Ich lese meinen Krimi, den ich seit der Anreise nicht mehr in der Hand hatte. Das Reisen und Erleben selbst bisher war Spannung pur. Da dies meine ich weiß nicht mehr wievielte Reise nach Indien ist, kann ich schon besser mit den Eindrücken umgehen. Dennoch, sie sind derart intensiv, dass auch „alte Hasen“ immer wieder Neues entdecken und von Altem überrascht und in Staunen versetzt werden.Der Schwimmmeister will mich zu einer Massage überreden. Für 300 Rs. will er eine knappe Stunde massieren. Als ich jedoch den dunklen Raum und die Bank sehe, auf der das passieren soll, ziehe ich es vor, noch etwas im Sonnenlicht am Pool zu liegen. Zusammen mit den Tauben, die immer wieder ans Wasser flattern, um daraus zu trinken, genieße ich den Luxus der Abkühlung und der schnell trocknenden Sonnenstrahlen. Gegen 11.00 Uhr entschließe ich mich, zum ACTC zu fahren und Dr.David Raju zu besuchen. Mein Auto hat plötzlich keinen Sprit mehr, es ist jedoch gleich ein anderes zur Stelle, mit dem ich weiterfahren kann. Zuerst leite ich den Fahrer falsch und biege versehentlich rechts ab. Man muss nach der Upper Tank Bond Road  erst einmal links fahren und dann nach der Kloake mit dem Waschplatz noch einmal links. Am Weg sind diverse Slumbehausungen, vor allem Zelte, die an die Mauern gelehnt sind. Auch die Gebäude mit den Wohnungen sehen nicht gut aus. Ein Fest wird am Wegrand gefeiert. Es könnte eine Hochzeit sein, denn außer den Stühlen sind lange Tische zum Essen aufgebaut.David Raju ist nicht da, sondern bis heute Abend auf Predigttour. Ich treffe seine Frau und drei seiner Töchter an. Besonders die 19 Jährige Jüngste ist sehr nett. Sie studiert Informatik. David hatte mit der Gemeinde nur einen zwei Jahresvertrag und ist danach wieder zurück ans ACTC. Sie wollten ihn dort zum Principle (Direktor) machen, haben dann aber den jetzigen Stellvertreter vorgezogen, wenn ich es richtig verstanden habe. Jedenfalls ist David laut seiner Frau jetzt doch etwas traurig. Mir wird ein Tee angeboten. Ich schreibe David einen Brief, vielleicht telefoniere ich heute Abend auch noch mit ihm.Der Rückweg ist einfach: Immer auf den Birla Tempel zu. Er erhebt sich überaus dekorativ über der Stadt. Man muss schon sagen, dass die Hindukultur enorme und auch schöne Architektur hervorgebracht hat. Es ist gut, dass ich mich entschließe, den Room Service zu nutzen und die Hotelküche auszuprobieren. Für umgerechet 5 € bekomme ich eine klare Hühnersuppe, eine Coca Cola und Fischfilet mit Pommes und Gemüse. Es schmeckt hervorragend! Wenn ich jetzt nach der Mittagspause noch in die Altstadt fahre und dann etwas schlafe, kann ich die Rückreise relativ ausgeruht angehen. Die Altstadt von Hyderabad ist ein Abenteuer für sich. Je näher ich komme, desto mehr Geschäfte haben geöffnet. Heute, am Sonntag, sind in anderen Stadtteilen die meisten Läden geschlossen. Nur die Moslems haben geöffnet. Rund um das Charminar sind beinahe alle Läden auf. Zudem findet eine Art Flohmarkt statt, wo ich auch noch die fast vergessenen Jasmin-Düfte erwerbe. Es wird hier alles, vor allem Gebrauchtes verkauft: Werkzeug, Klamotten, Spielzeug, Küchenbedarf, Ledersachen, Koffer, Schmuck usw. Es wimmelt von Menschen. Viele Polizisten patrolieren durch die Straßen um Unruhen zwischen Moslems und Hindus zu vermeiden. Dauernd wird man angesprochen: Zum Geldwechsel, Einkauf, Spenden. Manche der Leute sind recht aufdringlich. So wird ein Gang durch die Altstadt nicht gerade zu einem entspannten Spaziergang. Viele schwarz verhüllte Frauen sind zu sehen. Nur die Augen sind zu sehen – was allerdings, da es oft sehr schöne, tiefdunkle große Augen sind, gerade die Fantasie beflügelt. Für das Ersteigen des Charminar, dem großen Tor und Zentrum der Altstadt, wird von Ausländern 100 Rs. genommen, von Indern nur 5 Rs. Ein solches Gesetz wurde zwar gegen den Widerstand mancher Tourismusverbände verabschiedet, es wird aber nun voll durchgezogen. Im Fort außerhalb der Stadt ist es noch teurer. Ich verzichte wegen der ungleichen Behandlung darauf, die Türme hinaufzusteigen.Von der Mekka Masjid aus mache ich ein Foto vom Charminar, da von dort der Blick am schönsten ist. Die Moschee ist auch jetzt wieder, obwohl keine Gebetszeit, gut besucht. Sie ist die größte Moschee in Asien. Der Verkehr drängt sich um das Charminar und es ist selbst zu Fuß kaum ein Durchkommen. Ich trinke einen dieser leckren Zuckerrohrsäfte, frisch gepresst. Auf Eis zur Kühlung verzichte ich, da mir das Wasser vielleicht nicht bekommen würde. Im Süden des Charminar sind vor allem Obststände zu finden, auf der anderen Seite viele Perlenläden. Für seine Perlen und für Gold- und Silberschmuck ist Hyderabad weltweit bekannt. Ich schaue in einer Werkstatt zu, wie Silber zu hauchdünnen Folien geschlagen wird. Es wird als Esssilber verkauft und bei Gebäck und Kuchen zur Dekoration eingesetzt. Bis die Folie hauchdünn ist, müssen die Kulis sehr lange darauf herumklopfen. Das Silber liegt zwischen zwei Lederscheiben und wird einfach mit dem Hammer bearbeitet. Eine harte Arbeit, für die es wenig Lohn gibt. Bei einem Jungen kaufe ich drei Orangen für 10 Rs., also knapp 20 Cent. Sie schmecken süß und fruchtig.Nach knapp zwei Stunden habe ich genug vom Trubel. Ich rufe ein Auto herbei und schnell bin ich wieder im Hotel. Vorher gehe ich noch telefonieren, da dies in den öffentlichen Läden wesentlich günstiger ist als im Hotel. Ich rufe Philip an, der allerdings nicht Neues zu berichten hat. Amos erreiche ich leider nicht, ebenso wenig Jayapaul. Also verabschiede ich mich von Philip und gehe dann ins Hotel. Die Dusche tut nach jedem Ausflug ungemein gut, da ich wieder völlig verschwitzt bin. So zwei- bis dreimal am Tag gönne ich mir das. Am Abend bleibe ich im Zimmer, bestelle noch einmal  etwas zu Essen, schreibe diese Zeilen, packe und schlafe ein bisschen. 

Montag, 10.April 2006

Rückreise

Alles läuft wie geplant. Mehr noch, im Flughafen Hyderabad, den ich mit dem Taxi in 20 Minuten erreiche, lächelt mir eine junge Inderin freundlich zu. Nachher im Flugzeug sitze ich direkt neben ihr und wir unterhalten uns vorzüglich. Shilpa wohnt seit fünf Jahren in der Nähe von Detroit und hat ihre Eltern in Hyderabad besucht. Sie kommt aus einer gut gestellten Familie. Der Vater allerdings hatte wegen seiner großen Farmen wenig Zeit für die Familie und war meistens in den Dörfern. Shilpa dagegen ist in der Stadt aufgewachsen, in der ihre Mutter jetzt alleine lebt. Sie hat in den Staaten studiert und arbeitet jetzt in einer Firma für medizinische Versorgung und Ausrüstung. Auch ihre zwei Schwestern und ihr Bruder sind in den USA. Sie fühlt sich dort sehr wohl, muss nun allerdings noch weitere 9 Stunden Flug auf sich nehmen. Die junge Frau erzählt mir von ihren religiösen Bindungen. Auch in den USA betet sie regelmäßig zu ihren Gottheiten, vor allem zu Hanuman, der ihr schon als Kind von der Mutter immer als starker Beschützer vorgestellt wurde, und zu Ganesha, den klugen, starken und gradlinigen Helfer. Schilpa weiß auch vieles von Jesus. Sie ist mehrere Jahre auf eine Missionsschule gegangen, hat die Bibel kennen gelernt und gerne christliche Lieder gesungen. Doch dann war es ihren Eltern auf dieser Schule zu missionarisch und sie bekamen Angst, dass ihre Tochter sich von ihrer Tradition entfernt. So musste sie die Schule wechseln und ist wieder ganz in die hinduistischen Traditionen eingetaucht. In Amsterdam Schipohl angekommen, recherchiere ich sofort wegen des Passes von Amos. Das ist nicht so einfach. Falsche Pässe werden vom Grenzschutz abgenommen, ungültig gemacht und dort 12 Jahre lang verwahrt. Der Inhaber bekommt eine quittierte Fotokopie. Und die hat man Amos ja in Bombay abgenommen. Will man an den Pass herankommen, muss man über ein indisches Konsulat einen richterlichen Antrag beim Grenzschutz stellen. Das kann Amos versuchen, die Erfolgsaussichten sind allerdings schlecht, da der Fall schon am 27.4.93 war, also jetzt 13 Jahre vergangen sind. Leider löscht der Grenzschutz nach 1 Jahr regelmäßig alle Daten aus dem PC so dass dort nichts ersichtlich ist. Die Wartezeit im Flughafen wird lang, insgesamt mehr als drei Stunden. In Indien ist es jetzt 14.00 Uhr, hier erst 10.30 Uhr. Zum Glück ist mein Missgeschick aus dem Flieger beseitigt. Ich habe mir eine ganze Tasse Tee über Hose und Hemd gekippt und war nass bis auf die Unterhose. Nun, wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erleben... Verlassen habe ich Hyderabad gegen 3.00 Uhr bei Temperaturen um die 30 Grad. Hier in Amsterdam ist es leicht bewölkt bei Sonnenschein und etwa 13 Grad. Aber es fühlt sich frisch an!Als ich nach kurzem, teils wackligem Flug in Hamburg ankomme, bleibe ich ohne Koffer. Erst am nächsten Tag wird er mir nachgeschickt – offenbar hat man in Amsterdam zuviel Zeit zum Umladen gehabt und hat den Koffer irgendwo zwischen geparkt. Dennoch freue ich mich bei der Rückkehr. Meine Tochter holt mich ab und wir genießen in einem Hamburger Cafe das glückliche und gesunde Wiedersehen, den (nun) kühlen Sonnenschein und eine Tasse Cappuccino. Und dann am späten Nachmittag endgültig zuhause: Was mit einer schlaflosen Nacht vor der Reise begonnen hatte, endet nun mit einem ausgedehnten Schlaf nach langer Reise. Und morgen geht es wieder an die Arbeit, auf die ich mich schon freue. Die Zeit, ein Tagebuch zu schreiben, werde ich dann nicht mehr finden.

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